Ein einzelner Angreifer hat Ende September KI-Agenten auf mehr als 1.200 Websites angesetzt und rund 100 Unternehmen erfolgreich kompromittiert – für etwa 50 Dollar pro Treffer. Solche autonom arbeitenden Angriffe verändern die Ökonomie der Cyberkriminalität. Unternehmen erhöhen ihre Sicherheitsbudgets, doch Fachleute sehen die größten Verteidigungslücken nicht bei der Technologie, sondern bei den Grundlagen.
Ein Angriff für 50 Dollar pro Treffer
Am 25. September setzte ein Angreifer eine Schar KI-gesteuerter Agenten auf mehr als 1.200 Websites an. In den folgenden Wochen brachen die Programme autonom in rund 100 Unternehmen ein, darunter der Landmaschinenhersteller Deere, der Hausgeräteanbieter SharkNinja und der Motorenbauer Cummins 4. Nach dem Start musste der Mensch nichts mehr tun. Die Rechnung belief sich auf rund 5.000 Dollar an Token-Guthaben der Modelle DeepSeek und Claude Code – etwa 50 Dollar pro erfolgreichem Einbruch 4.
„Diese KI-Systeme sind inzwischen sowohl leistungsfähiger beim Hacken als auch autonomer im Handeln“, sagte Jessica Ji, leitende Analystin am Center for Security and Emerging Technology der Georgetown University 4. Varun Chandrasekaran, Professor an der University of Illinois, nennt die ökonomische Folge: Agenten liefen rund um die Uhr, zu einem Bruchteil der Kosten menschlicher Angreifer. Das verändere „die Ökonomie der Ausbeutung grundlegend“ 4.
Das Muster wiederholt sich. Auf der KI-Programmierplattform OpenCode hielt ein autonomer Angriff 48 Stunden lang an; betroffen waren 1,4 Prozent der Nutzerkonten, einzelne Nutzer verloren bis zu 1.700 Dollar 4. Bei südkoreanischen Banken drangen Angreifer nach Einschätzung von CrowdStrike mit einem in China entwickelten KI-Agenten und Anthropics Claude Code ein und erbeuteten Daten von schätzungsweise 68.000 Menschen 4 7.
Was die Zahlen belegen – und was nicht
Belastbare Größenordnungen liefert das Identity Theft Resource Center (ITRC), eine gemeinnützige Organisation, die gemeldete Datenpannen erfasst. Im ersten Halbjahr 2026 registrierte sie 1.803 Vorfälle, nach 1.732 im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Benachrichtigungen an Betroffene überschritt 471 Millionen – nach 297,5 Millionen im gesamten Jahr 2025. Allein ein Vorfall beim Bildungstool Canvas erklärte 275 Millionen dieser Mitteilungen 2. Sollte das zweite Halbjahr ähnlich verlaufen, läge die Jahresbilanz über den 3.321 Vorfällen von 2025 2.
Den KI-Anteil beziffert eine IBM-Studie: Zwischen März 2025 und Februar 2026 war jeder vierte Datenschutzvorfall KI-gestützt, 56 Prozent mehr als ein Jahr zuvor 2. Für die Budgetfrage ist zudem relevant, dass 93 Prozent der Prüfungsausschüsse börsennotierter Unternehmen Cybersicherheit unter ihren drei wichtigsten Themen führen; die Hälfte der 237 Befragten nennt sie an erster Stelle 2.
Zur Einordnung gehört eine Einschränkung: Die ITRC-Zahlen messen, was gemeldet wird, nicht was geschieht. Nur 24 Prozent der Benachrichtigungen aus dem ersten Halbjahr 2026 enthielten Details zum Vorfall; 2021 waren es 93 Prozent. „Wo Sie leben, entscheidet, ob Sie von einer Datenpanne erfahren – und wenn ja, was Ihnen gesagt wird“, sagte ITRC-Präsident James Lee 2.
Auffällig ist ein zweiter Trend, der mit KI nur indirekt zu tun hat: 21 Vorfälle im ersten Halbjahr gingen auf böswillige Insider zurück, nach drei im gesamten Jahr 2025. Ein Teil entfällt auf gekündigte Mitarbeiter, ein anderer auf einen vom FBI erfassten Betrug, bei dem Nordkorea IT-Kräfte mit gestohlenen Identitäten, Deepfake-Videos in Bewerbungsgesprächen und KI-generierten Lebensläufen in US-Unternehmen platziert. Der ITRC-Bericht nennt dies „den wohl bedeutendsten strukturellen Treiber“ solcher Angriffe 2.
„Black October“: Entdeckung schneller als das Flicken
Anfang Oktober dann der Fall, der in der Branche als Zäsur gilt. Forscher der KI-Firma Calif und von Googles Sicherheitstochter Wiz fanden im August zwei Schwachstellen in der Programmiersprache PHP, die sie mit den Modellen GPT-5.6 Sol, Gemini 4 Argon und dem Wiz-Agenten Atlas aufspürten. Beide wurden mit 9,2 von 10 bewertet; PHP läuft nach Erhebungen von W3Techs auf knapp 70 Prozent aller Websites 5 6.
Die Lücke erlaubt nicht authentifizierten Angreifern, Code auf beliebigen PHP-Servern auszuführen. Eigentlich sollten die Patches an einem Donnerstag erscheinen. Weil ein Proof-of-Concept-Video vorab öffentlich wurde und Exploit-Code auf GitHub auftauchte, veröffentlichte die PHP Foundation sie 24 Stunden früher; kurz zuvor hatte die US-Sicherheitsbehörde NSA Organisationen gedrängt, sofort zu patchen oder Server offline zu nehmen 6. In Foren kursiert für die Tage seither der Begriff „Black October“ 5.
„Drei Prozent aller jemals entdeckten kritischen Schwachstellen wurden im vergangenen Monat gefunden“, sagte der frühere CISA-Direktor Chris Krebs dem Sender CNBC 5.
Wie schnell das inzwischen geht, zeigt ein Detail: Das Sicherheitsstartup Tolmo baute nach eigener Darstellung in weniger als einem Tag einen funktionsfähigen Exploit. Vor den heutigen Modellen hätte sein Team dafür „mehrere Wochen“ gebraucht, sagte Forscher Matt Suiche 6. Neatsun Ziv von Ox Security beschreibt die Verschiebung so: Der Zeitraum zwischen dem Fund einer Lücke und ihrer Ausnutzung im gesamten Internet sei von Wochen auf Tage geschrumpft – und seit April 2026, dem Start von Anthropics Modell Mythos, auf Stunden 6.
Bemerkenswert ist der Umgang der PHP Foundation mit dem Vorgang. Sie räumte ein, die Verzögerung sei ein „strukturelles Versagen“ gewesen, verursacht durch das Entscheidungsverfahren des Sicherheitsteams und fehlende Ressourcen 6. Ein Ingenieur hatte dieselbe Ursache bereits zwei Jahre zuvor gemeldet; ein Fix wurde nie ausgerollt 6.
Interpol: „Eine Evolution, keine Revolution“
Nicht jede Beobachtung stützt das Bild einer völlig neuen Bedrohung. Bjorn R. Watne, globaler Sicherheitschef von Interpol, sagte am Rande der Tech Week Singapore, KI verstärke bestehende kriminelle Techniken, statt sie zu revolutionieren. Betrüger könnten mit KI mehrere Opfer gleichzeitig bearbeiten; bessere Übersetzungen und synthetische Identitäten machten es schwerer, echte von gefälschten Interaktionen zu unterscheiden. „Es ist eine Evolution und keine Revolution“, sagte Watne – KI erhöhe vor allem „Tempo und Ausmaß“ 1.
Sein Rat an Unternehmen ist entsprechend unspektakulär: zuerst die „Kronjuwelen“ identifizieren, also die für den Betrieb kritischen Werte, dann über Threat Intelligence klären, wer daran interessiert wäre, und die Abwehr darauf zuschneiden. „Niemand muss alles gleichzeitig absichern, wenn er nicht das Ziel davon ist“ 1. Als eigentliche Schwachstelle benennt er die Distanz zwischen Geschäftsführung und Sicherheitsstrategie: „Es gibt noch viele Branchen, in denen man nicht begriffen hat, dass heute jedes Unternehmen ein IT-Unternehmen ist“ 1.
Die Budgets wachsen langsamer als die Bedrohung
Die Ausgaben reagieren, aber verhalten. Gartner erwartet für 2026 ein Plus von sechs Prozent bei den Sicherheitsbudgets, getrieben vor allem von Werkzeugen für KI-Sicherheit; in Teilen der Welt fällt der Zuwachs höher aus, im Nahen Osten und Afrika rechnet IDC mit 16 Prozent 9. In einer PwC-Umfrage unter 3.887 Führungskräften aus 72 Ländern gaben 78 Prozent an, ihre Cyberbudgets in den kommenden zwölf Monaten erhöhen zu wollen 2.
An der Börse ist die Erwartung schon eingepreist. CrowdStrike und Palo Alto Networks legten in diesem Jahr rund 80 Prozent zu, Okta etwa 100 Prozent 9. Für erfahrene Sicherheitschefs werden Gehaltspakete im siebenstelligen Bereich gezahlt; Personalberater berichten von Suchläufen, in denen sie pro Woche einen Kandidaten an ein konkurrierendes Angebot verlieren 9. Die Ratingagentur Fitch erwartet nach den südkoreanischen Bankvorfällen „Regulierungsstrafen, Entschädigungskosten für Kunden und einen branchenweiten Anstieg der Sicherheitsausgaben“ 7.
Gleichzeitig mehren sich Hinweise, dass mehr Geld nicht automatisch mehr Schutz bedeutet. „Manche Sicherheitsteams sind so überlastet, dass sie nicht wissen, wo sie anfangen sollen, und was die Produkte angeht, sind sie noch nicht reif für den breiten Einsatz“, sagte Joe Sullivan, früherer Sicherheitschef von Uber und Facebook 9.
Wo Lücken bleiben
Die größten Verteidigungslücken liegen aus Sicht der Fachleute nicht bei den Modellen, sondern bei den Grundlagen. Krebs verwies auf kleine und mittlere Unternehmen, die mit kritischen Fehlern überfordert seien, und empfahl, Schwachstellen „fortlaufend“ zu scannen, Patches so schnell wie möglich einzuspielen oder Alt-Systeme vom Netz zu nehmen 5. Jason Clinton, stellvertretender Sicherheitschef von Anthropic, wurde deutlicher: „Sicherheitsverantwortliche, verschwenden Sie diese Krise nicht: Gehen Sie jetzt zu Ihrem Vorstand und bitten Sie um Hilfe. Nicht für KI, für die Grundlagen. Wir müssen etwa 18 Monate durchhalten“ 5.
Hinzu kommt ein Sichtbarkeitsproblem. Ohne eine vorab installierte Anwendungssicherheitsplattform könne ein Unternehmen verdächtige Anfragen auf seinen Servern nicht erkennen, sagte Ox-Security-Chef Ziv; man erfahre von einem Einbruch erst, wenn die Daten im Darknet verkauft würden 6. Bei einer Legacy-Sprache wie PHP, so Suiche, fehle diese Absicherung besonders oft – Kommunalverwaltungen etwa betrieben Websites, die seit zehn Jahren nicht aktualisiert worden seien, „und diese Leute haben viele kritische Daten“ 6.
Der politische Druck wächst. Japans Regierungschefin Sanae Takaichi ordnete am Montag an, binnen einer Woche Notmaßnahmen zu erarbeiten, nachdem unter anderem Daiwa Securities, SoftBank Corp und die Ladenkette Lawson sowie der IT-Dienstleister GMO Internet betroffen waren; GMO berichtete von einer Lösegeldforderung über 50 Millionen Dollar in Kryptowährung, die nicht gezahlt wurde 8 7. In Japan traten zudem vor wenigen Wochen Regeln für eine „aktive Cyberabwehr“ in Kraft, und ein Team aus White-Hat-Hackern soll aufgebaut werden 8. Südkoreas Finanzaufsicht verlangt von der Branche eine Selbstbewertung anhand von zwölf Kriterien; die dortigen DDoS-Meldungen stiegen im ersten Halbjahr um 56,7 Prozent, Ransomware-Fälle um 76,8 Prozent 7.
Im August hatten 116 Unternehmen und Organisationen – darunter OpenAI, Anthropic, Microsoft und AMD – in einem offenen Brief mehr staatliche Finanzierung für den Schutz kritischer Infrastruktur gefordert, ausdrücklich für Krankenhäuser und Wasserwerke. „Wir haben ein begrenztes Zeitfenster, um die Cyberabwehr zu stärken“, hieß es darin 3. Ob die sechs Prozent mehr Budget reichen, wenn sich die Zeit zwischen entdeckter Lücke und Angriff weiter in Richtung Stunden verkürzt, ist offen. In Japan muss das Kabinett die Antwort bis Ende der kommenden Woche vorlegen.





