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Großbritannien und Deutschland schmieden Cyber-Pakt gegen Russland

Großbritannien und Deutschland schmieden Cyber-Pakt gegen Russland

Wollen die Zusammenarbeit im Bereich Cybersicherheit vertiefen: der britische Premierminister Andy Burnham und Bundeskanzler Friedrich Merz. (Foto: AFP/Getty Images)

Großbritanniens Premierminister Andy Burnham und Bundeskanzler Friedrich Merz haben in Berlin eine gemeinsame Partnerschaft gegen Cyberangriffe, Sabotage und hybride Bedrohungen besiegelt. Im Zentrum steht die Abwehr russischer Aktivitäten. Der Pakt fällt in eine Phase, in der London seine Beziehungen zur Europäischen Union neu auslotet.

Ein Pakt gegen die Grauzone


Am 8. Oktober 2026 ist der britische Premierminister Andy Burnham zu seinem ersten offiziellen Besuch in Deutschland eingetroffen. In der Berliner Bundeskanzlei wurde er von Bundeskanzler Friedrich Merz mit militärischen Ehren empfangen [2]. Im Mittelpunkt des Treffens stand eine gemeinsame Antwort auf eine Bedrohung, die beide Regierungen seit Monaten beschäftigt: hybride Angriffe aus Russland.


Die beiden Länder vereinbarten eine neue Partnerschaft gegen hybride Bedrohungen, die sich ausdrücklich gegen Cyberangriffe, Sabotage und Angriffe auf kritische Infrastruktur richtet [1]. In der offiziellen Mitteilung der britischen Regierung heißt es:


Die hybride Bedrohung durch unsere Gegner – insbesondere Russland – erstreckt sich über ganz Europa und darüber hinaus und gefährdet unsere kollektive Sicherheit. Großbritannien und Deutschland werden gemeinsam handeln, um hybride Aktivitäten zu identifizieren und zu unterbinden, woher sie auch kommen [1].


Burnham sagte in Berlin, beide Länder sähen sich „regelmäßig" hybriden Angriffen ausgesetzt, und es sei „sinnvoll", diese gemeinsam anzugehen [2]. „Angriffe auf unsere Infrastruktur, unsere Unternehmen und unsere Demokratien sind keine ferne Bedrohung", so der Premierminister. „Sie reichen bis in die Wohnungen und Arbeitsplätze der Menschen und sollen uns schwächer und gespaltener machen" [1] [4].


Was die Partnerschaft konkret umfasst


Operativ sieht die Vereinbarung nach Angaben der britischen Regierung vor, Informationen zu teilen und das Vorgehen abzustimmen, um Bedrohungen zu überwachen, abzuschrecken und zu unterbinden – sei es gegen kritische Infrastruktur oder über Cyberangriffe und Sabotage [3]. Ziel ist es, die Handlungsfähigkeit feindlicher Akteure in Europa zu verringern und die Widerstandsfähigkeit gegen Cyberangriffe, Sabotage und Angriffe auf kritische Infrastruktur zu stärken [1].


Formal aufsetzen lässt sich die Zusammenarbeit auf dem 2025 unterzeichneten Kensington-Vertrag, den beide Seiten am Donnerstag offiziell ratifizierten [1] [2]. Es ist der erste Vertrag zwischen Deutschland und Großbritannien seit dem Zweiten Weltkrieg, wie Burnham betonte [2]. Er verpflichtet beide Länder zu einer deutlich engeren Zusammenarbeit in den Bereichen Wissenschaft, Technologie, Verteidigung, Sicherheit und Wirtschaftswachstum [1].


Über die Sicherheitsfrage hinaus vereinbarten die Regierungschefs ein „UK-Germany Regional Growth Forum" mit britischen und deutschen Unternehmensvertretern, das Investitionen und industrielle Partnerschaften voranbringen soll [1] [6]. Burnham signalisierte zudem Offenheit dafür, dass Deutschland dem Global Combat Air Programme (GCAP) beitritt, dem von Italien, Japan und Großbritannien geführten Projekt für ein Kampfflugzeug der nächsten Generation [2] [6]. Auch eine Zusammenarbeit bei Quantentechnologie und Raumfahrt sowie ein erstes gemeinsames Kabinettstreffen im kommenden Jahr wurden ins Auge gefasst [2].


Der Kontext: Leipzig, Nordsee, Spionagefall


Der Zeitpunkt des Pakts ist kein Zufall. Im August 2026 hatte Deutschland Russland beschuldigt, einen mit Sprengstoff bestückten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle gesteuert zu haben – einen wichtigen internationalen Frachtknoten, der auch für die Unterstützung der Ukraine genutzt wird [2] [3]. Großbritannien bestellte daraufhin einen ranghohen russischen Diplomaten ein und sprach von einem „ungeheuerlichen und rücksichtslosen Angriff" [6]. Moskau wies jede Beteiligung zurück; Präsident Wladimir Putin warf Deutschland vor, Beweise zu dessen Belastung selbst platziert zu haben [6].


Deutschlands Auslandsgeheimdienstchef Martin Jaeger hatte zu Wochenbeginn gewarnt, die Konfrontation mit Russland habe „eine neue, gefährlichere Dimension" angenommen [3]. Der frühere britische Nationale Sicherheitsberater Mark Lyall Grant ordnete hybride Kriegsführung als Bedrohung „irgendwo zwischen Frieden und Krieg" ein – eine Grauzone, in der Russland seit Längerem sehr aktiv sei. Russland kartiere Unterseekabel in der Nordsee, was sowohl Großbritannien als auch Deutschland betreffe [2].


Für zusätzliche Brisanz sorgt ein Spionagefall in Deutschland: Der frühere BND-Präsident August Hanning, der den Bundesnachrichtendienst von 1998 bis 2005 leitete, wurde unter dem Verdacht des landesverräterischen Geheimnisverrats festgenommen; ein früherer Mitarbeiter wurde ebenfalls festgesetzt [2] [6]. Der Fall wirft Fragen nach der Verlässlichkeit Deutschlands als Geheimdienstpartner auf – just in dem Moment, in dem die Zusammenarbeit vertieft werden soll [2].


Der Brexit im Hintergrund


Der Sicherheitspakt ist eingebettet in eine breitere Neuausrichtung der britischen Europapolitik. Burnham hatte Brexit zuletzt als Schritt bezeichnet, der „mehr Schaden als Nutzen" gebracht habe, und Optionen für eine engere Anbindung an die EU ins Spiel gebracht – von einem Wiedereintritt in Zollunion oder Binnenmarkt bis hin zu einer vollständigen Rückkehr in die Union [4] [6]. Er hält sogar ein neues In-out-Referendum in einem künftigen Labour-Wahlprogramm für „möglich" [6].


Merz signalisierte Unterstützung: „Von deutscher Seite kann ich Ihnen versichern, dass wir alles tun werden, um Großbritannien näher und näher zurück nach Europa zu bringen", sagte er [2]. Frankreichs Finanzminister Roland Lescure sagte dem Sender BBC, die Briten könnten „jederzeit zurückkommen" [6]. Vor dem britisch-europäischen Gipfel am 20. November sucht Burnham nach Angaben der Financial Times die Rückendeckung Berlins für engere Wirtschaftsbeziehungen [5]. Deutschland ist bereits jetzt Großbritanniens zweitgrößter Handelspartner und trägt rund 155 Milliarden Pfund zur britischen Wirtschaft bei [1].


Kritik: viel Ankündigung, wenig Detail


So symbolträchtig der Pakt ist, so vage bleibt er in der Umsetzung. Das britische Fachportal The Register moniert, die Ankündigung nenne keine beteiligten Behörden, sehe keine zusätzlichen Mittel vor und erläutere nicht, wie feindliche Operationen konkret unterbunden werden sollen [5]. Die Vereinbarung setze damit vor allem auf politische Signalwirkung.


Auf britischer Seite laufen parallel eigene Maßnahmen: Die Regierung hat ein Gesetz beschleunigt, das dem Innenminister neue, an Proskriptionen angelehnte Befugnisse gibt, staatlich gestützte Organisationen und Stellvertretergruppen zu benennen [1] [5]. Zudem soll ein neues „National Centre for Information Defence" Desinformationskampagnen und Deepfakes aufdecken, zuordnen und unterbinden [1] [5].


Ausblick


Der Berliner Pakt markiert einen doppelten Kurswechsel: sicherheitspolitisch die Bündelung der Abwehr gegen russische Hybridaktivitäten, außenpolitisch eine vorsichtige Annäherung Londons an den Kontinent. Ob daraus mehr als eine Absichtserklärung wird, hängt an zwei offenen Fragen – ob die Zusammenarbeit mit konkreten Zuständigkeiten und Budgets unterlegt wird, und ob die politische Führung in Berlin und London stabil genug bleibt, um sie über den November-Gipfel hinauszutragen. Beide Regierungschefs stehen innenpolitisch unter Druck, was die Verlässlichkeit langfristiger Zusagen zusätzlich erschwert [2].