Der frühere Präsident des Bundesnachrichtendienstes, August Hanning, ist am Dienstagmorgen festgenommen worden. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 80-Jährigen landesverräterische Ausspähung, das Auskundschaften von Staatsgeheimnissen, versuchten Landesverrat und geheimdienstliche Agententätigkeit vor. Sein langjähriger Büroleiter soll ihn über Jahre mit streng geheimen BND-Dokumenten versorgt haben. Der Fall gilt als der schwerste Spionageverdacht gegen einen Spitzenbeamten in der Geschichte der Bundesrepublik.
Der frühere Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), August Hanning, ist am Dienstagmorgen in seinem Haus in Nordwalde bei Münster festgenommen worden. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 80-Jährigen nach eigenen Angaben landesverräterische Ausspähung, das Auskundschaften von Staatsgeheimnissen, versuchten Landesverrat und geheimdienstliche Agententätigkeit vor [1]. Zeitgleich wurde in Bayern ein langjähriger früherer BND-Mitarbeiter festgenommen, dem Beihilfe zum versuchten Landesverrat und zur landesverräterischen Ausspähung vorgeworfen wird [1]. Für beide gilt die Unschuldsvermutung.
Was der Generalbundesanwalt vorwirft
Nach den Haftbefehlen des Ermittlungsrichters am Bundesgerichtshof soll Hanning in den Jahren nach seiner Amtszeit von seinem früheren Büroleiter gegen Entgelt fortlaufend mit Erkenntnissen des BND versorgt worden sein [1]. Die entsprechende Vereinbarung datiere vermutlich auf das Frühjahr 2010. Bis Juni 2022 habe der Beschuldigte Manfred D. demnach annähernd 2.000 Dokumente an Hanning weitergegeben, darunter vielfach als Verschlusssache eingestufte Informationen [1].
Das Material sei ausschließlich für interne Zwecke des BND bestimmt gewesen und habe der Unterrichtung und Vorbereitung der Behördenleitung gedient, insbesondere für die sogenannte nachrichtendienstliche Lagebesprechung im Bundeskanzleramt [1]. In mindestens einem Fall habe Hanning die erhaltenen Erkenntnisse genutzt, um für den Mitarbeiter eines fremden nachrichtendienstlichen Sicherheitsapparates eine Analyse zu erstellen; ob das Produkt den Adressaten erreichte, ließ sich bislang nicht feststellen [1]. Zudem habe Hanning über mehrere Jahre in intensivem Austausch mit einem Angehörigen eines anderen staatlichen Nachrichtendienstes gestanden und diesen mit politischen Informationen versorgt [1].
Mehrere Medien berichten übereinstimmend, dass es sich bei dem fremden Dienst um den Aserbaidschans handeln soll [4]. Der Generalbundesanwalt nennt das Land nicht. Nach Informationen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung geht es jedenfalls nicht um Russland [2].
Ein Maulwurf im BND über mehr als ein Jahrzehnt
Die Vorwürfe wiegen schwer, weil sie das Innenleben der abgeschirmten Behörde betreffen. Manfred D. war demnach nicht nur Hannings Büroleiter während dessen Amtszeit als BND-Präsident von Dezember 1998 bis November 2005, sondern folgte ihm auch als abgeordneter Assistent ins Bundesinnenministerium [1]. Von März 2012 bis März 2026 war er erneut für mehrere nachfolgende BND-Präsidenten als Büroleiter tätig und hatte in dieser Funktion Zugriff auf zahlreiche geheimhaltungsbedürftige Informationen [1].
Nach den Recherchen handelte es sich bei den Unterlagen um äußerst sensible Berichte, etwa zum iranischen Atomprogramm oder zur russischen Armee; darunter sollen auch Informationen ausländischer Partnerdienste gewesen sein [2]. Ein solcher Abfluss gilt unter Nachrichtendiensten als schwerwiegender Vertrauensbruch, weil befreundete Dienste die Zusammenarbeit einschränken und den BND von essenziellen Informationen abschneiden könnten [2]. Offen ist bislang, wie das Material die abgesicherte Behörde verlassen konnte [2].
Wie die Ermittlungen ins Rollen kamen
Das Verfahren geht nicht auf eine geheimdienstliche Beobachtung zurück, sondern auf einen Zufallsfund. Bei einer Durchsuchung im September 2025, die die Staatsanwaltschaft Hamburg im Rahmen ihrer Ermittlungen im Entführungsfall der Unternehmerfamilie Block bei Hanning vollzog, stießen Ermittler auf einen elektronischen Datenträger mit brisantem Inhalt [1] [2]. Hanning soll in einen früheren Entführungsversuch der Kinder der Steakhouse-Erbin Christina Block verwickelt gewesen sein, was er bestreitet [2].
Anfang Mai 2026 wurde der Vorgang der Bundesanwaltschaft zur Übernahme vorgelegt; im selben Monat leitete sie ein verdecktes Verfahren gegen Hanning und seinen mutmaßlichen Zuträger ein [1] [2]. Die jüngsten aufgefundenen Dokumente sollen aus dem Juni 2022 stammen [2]. Die Ermittlungen werden in Zusammenarbeit mit dem BND und dem Bundeskriminalamt geführt [1]. Die Beschuldigten sollten am Dienstag und Mittwoch dem Ermittlungsrichter vorgeführt werden, der ihnen die Haftbefehle verkündet und über den Vollzug der Untersuchungshaft entscheidet [1].
Politische Reaktionen und die Geheimdienstreform
Die Festnahme löste parteiübergreifend Bestürzung aus. Der CDU/CSU-Fraktionschef Thorsten Frei sprach von einer "verstörenden Nachricht" und verwies mit Blick auf die anstehende Geheimdienstreform darauf, dass man "von überall her angegriffen" werde; die Reform sei dringend nötig [3]. Der SPD-Fraktionschef Matthias Miersch nannte den Vorgang "alarmierend" und forderte eine Debatte über Karenzzeiten für ausscheidende Geheimdienstmitarbeiter [3].
Der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums, der CDU-Politiker Henrichmann, sagte dem Portal "The Pioneer", einen Geheimnisverrat werde man nicht dulden [3]. Der Grünen-Politiker Konstantin von Notz sprach von "ungeheuerlichen Vorwürfen" und verlangte eine zügige und vollständige Aufklärung [3]. Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Bünger, plädierte dafür, die Geheimdienstreform im Bundestag zu stoppen und neu aufzusetzen [3]. Ein Regierungssprecher erklärte, laufende Ermittlungen würden nicht kommentiert [3].
Einordnung: Vertrauensverlust und historische Dimension
Für den BND ist es innerhalb weniger Jahre der zweite schwerwiegende Vorfall. Derzeit muss sich ein ehemaliger BND-Referatsleiter vor dem Berliner Kammergericht verantworten, der 2022 gemeinsam mit einem weiteren Beschuldigten für Russland spioniert haben soll; damals ging es um streng geheime Erkenntnisse über Cyberoperationen des BND [2]. Sollte sich der Verdacht gegen Hanning bestätigen, wäre dies eine Geheimdienstaffäre von historischer Dimension: Noch nie gab es in der bundesdeutschen Geschichte einen mutmaßlichen Fall von Landesverrat, der einen so hochrangigen, ehemaligen Spitzenbeamten betraf [2].
Hanning hatte über Jahrzehnte Schlüsselpositionen der deutschen Sicherheitsarchitektur inne. Vor seiner Zeit als BND-Präsident war er Geheimschutzbeauftragter an der westdeutschen Auslandsvertretung in der DDR, später unter anderem Koordinator der Nachrichtendienste des Bundes im Kanzleramt [2]. Nach dem Ende seiner Amtszeit beim Geheimdienst wechselte er Ende 2005 als Staatssekretär ins Bundesinnenministerium und wurde 2009 in den einstweiligen Ruhestand versetzt [2]. In den Folgejahren machte er als Unternehmer und Sicherheitsberater von sich reden; bis Mai dieses Jahres zählte er zum Führungspersonal eines umstrittenen Sicherheitskonzerns mit Sitz in der Schweiz [2].
Der Fall dürfte die Debatte über die Kontrolle der Nachrichtendienste und über die Regeln für den Übergang von Spitzenbeamten in die Privatwirtschaft weiter befeuern. Ob sich die Vorwürfe erhärten, entscheidet sich nun in einem Verfahren, das die Bundesanwaltschaft mit dem BND und dem BKA führt – und das die Behörde über Jahre beschäftigen dürfte.
