Dänemarks Ministerin für Gesellschaftssicherheit und Katastrophenschutz, Lisbeth Bech-Nielsen, hat die weitreichende Digitalisierung ihres Landes als sicherheitspolitische Verwundbarkeit bezeichnet. Angriffe gehörten inzwischen zum Alltag, sagte sie der Nachrichtenagentur Reuters, und kündigte einen Wiederaufbauplan für die Cybersicherheit an. Auslöser sind mehrere schwere Vorfälle innerhalb weniger Wochen – vom zentralen Personenregister über die Universität Kopenhagen bis zu einem globalen Sicherheitsleck in der Programmiersprache PHP.
„Das neue Normal“: Angriffe im Tagesrhythmus
Dänemark zählt zu den am stärksten digitalisierten Gesellschaften der Welt, und das Vertrauen der Bürger in die digitalen Behördendienste ist traditionell hoch 1. Genau darin liegt aus Sicht der zuständigen Ministerin die Verwundbarkeit. „Das neue Normal ist, dass wir täglich angegriffen werden – ob von Russland, ob von kriminellen Hackern, die es auf wirtschaftlichen Gewinn absehen, oder von wem auch immer“, sagte Lisbeth Bech-Nielsen der Nachrichtenagentur Reuters 1.
Bech-Nielsen ist seit Juni 2026 Ministerin für Gesellschaftssicherheit und Katastrophenschutz und gehört der Sozialistischen Volkspartei (SF) an 2. Für die Digitalisierungspolitik ist formal eine andere Ressortchefin zuständig, Christina Egelund. Die Sicherheitsfrage aber liegt bei Bech-Nielsen – und sie hat sie in dieser Woche zur Chefsache erklärt.
Ihr eigentliches Sorgenkind ist nicht der einzelne Ausfall, sondern die öffentliche Wahrnehmung. Selbst Angriffe mit begrenzten Folgen könnten das Vertrauen in die Behörden untergraben, sagte sie; die stetige Folge von Meldungen über Sicherheitsvorfälle habe „eine sehr zerstörerische Wirkung auf die Gesellschaft“ 1.
Was in einem Monat zusammenkam
Die Warnung fällt nicht zufällig in diese Wochen. Am 5. Oktober teilte das dänische Forschungs-, Bildungs- und Digitalisierungsministerium mit, Unbefugte hätten sich über die rechtmäßige Zugriffsmöglichkeit eines dänischen Unternehmens auf das Zentrale Personenregister (CPR) Zugang zu Namen, Adressen und Personennummern von rund 8,8 Millionen registrierten Personen verschafft 5. Das Register umfasst insgesamt etwa elf Millionen Datensätze – auch Verstorbene und ins Ausland verzogene Personen. Ministerin Egelund sprach von einem „zutiefst ernsten Vorfall“ 5.
Nach Recherchen der Tageszeitung Information führte der Weg dorthin über ein kleines Unternehmen auf Fünen; die Person, die sich gegenüber Politiken zu dem Angriff bekannte, gab an, das Passwort des Zugangs habe „123456“ gelautet 6. Der Fall illustriert ein strukturelles Problem: Nicht das Register selbst war schlecht gesichert, sondern eine vorgelagerte Zugriffsberechtigung.
Wenige Tage später traf es die Universität Kopenhagen; nach Angaben der Hochschule erlangten die Angreifer Daten von rund 525.000 Personen 8. Zeitgleich wurden die Grundbuchverwaltung (Tinglysning) und der Hauptauftragnehmer des Fehmarnbelt-Tunnels Ziel digitaler Angriffe 3.
Die offene Tür: Eine PHP-Lücke
Den vorläufigen Höhepunkt bildete der 21. Oktober. An diesem Mittwoch wurde ein Sicherheitsleck in PHP bekannt, einer der am weitesten verbreiteten Programmiersprachen für Websites, Webshops und Portale 4. Nach Schätzungen läuft PHP auf rund 70 Prozent aller Server im Internet 7. Die Entwickler hatten das Problem nach Angaben von Reuters am Dienstag identifiziert, die korrigierte Version aber erst am Mittwoch um 13.45 Uhr veröffentlicht 4.
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Bech-Nielsen sprach von einem „globalen Ereignis“ und warnte, es könne „potenziell wirklich ernst werden, wenn die Systembetreiber kein Sicherheitsupdate hinbekommen. Wenn das hier und jetzt nicht möglich ist, sollte man erwägen, offline zu gehen“ 4. Gegenüber DR sagte sie, auf den betroffenen, nicht aktualisierten Seiten stehe „die Tür weit offen“ 4. Und sie fügte eine Bemerkung an, die das Dilemma der Behördenkommunikation zusammenfasst: „Es ist in gewisser Weise positiv, dass wir diese Schwachstellen gefunden haben. Aber weil sie öffentlich bekannt sind, wird es welche geben, die sie missbrauchen“ 4.
In Dänemark gingen daraufhin unter anderem die Websites der Kommune Kopenhagen, der Straßendirektion (Vejdirektoratet) und des Wetterdienstes DMI offline; das kommunale IT-Unternehmen Kombit schaltete die Schulkommunikationsplattform Aula ab 4.
Die Digitalisierung war der Vorsprung. Jetzt wird sie zur Schwachstelle.
Zwei Tage später, am 22. Oktober, wurde Bech-Nielsen in einem Interview mit Politiken grundsätzlicher. Veraltete IT-Systeme, der Einsatz künstlicher Intelligenz und ein fehlendes Bewusstsein für die Tragweite hätten die digitale Verwundbarkeit Dänemarks so weit getrieben, dass es eines „Wiederaufbauplans“ bedürfe – analog zum Aufbau der Streitkräfte 2. Sie sprach von einem „Weckruf“ 2.
Ein Teil der dänischen digitalen Infrastruktur laufe „auf alten Systemen in einer Vielzahl kritischer Bereiche“, sagte sie; konkreter wolle sie nicht werden, „denn sonst kann auch das ein Sicherheitsproblem sein“ 3. Für die Dringlichkeit wählte sie ein Bild aus dem Bauwesen: Man müsse es sich wie ein Haus vorstellen. Ohne laufende Instandhaltung ende man in einer Lage, in der nicht mehr nur die Fenster ausgetauscht werden müssten, sondern im schlimmsten Fall das Fundament zu bröckeln beginne 3.
Der Befund ist nicht neu. Die dänische Rechnungsprüfung (Rigsrevisionen) hatte bereits im November 2022 festgestellt, dass keines der 13 untersuchten gesellschaftskritischen IT-Systeme über eine zufriedenstellende Notfallvorsorge verfügte. In einer Nachuntersuchung von zwölf weiteren Systemen im Jahr 2023 war die Vorsorge bei sieben Systemen unzureichend; die Staatsrevisoren rügten dies ausdrücklich 3.
Die Ministerin benennt drei Sektoren, die in besonderem Maße von digitaler Infrastruktur abhängen: Energieversorgung, Gesundheitswesen und Finanzdienstleistungen 1. Hinzu kommt die Lieferkette. „Es gibt keine Inseln. Wir können uns digital nicht isolieren“, sagte Laura Lynggaard Nielsen vom Alexandra-Institut der Universität Aarhus der Zeitung Information 6. Genau das ist der Punkt, an dem die dänische Debatte über den Einzelfall hinausweist: In einer eng verflochtenen Verwaltung wird die schwächste Zugriffsberechtigung zum Problem aller.
Was Bech-Nielsen ändern will
Unter anderem steht die Forderung im Raum, mehr Investitionen in die digitale Infrastruktur zu tätigen und grundsätzlich zu überdenken, wie viel kritische Ausrüstung überhaupt am Internet hängen muss 1. Als Beispiel nannte die Ministerin einen Vorfall in Frankreich, bei dem Gefrierschränke aus der Ferne gesteuert worden seien, und fragte, ob stärker lokal begrenzte, geschlossene Systeme nicht mehr Sicherheit böten 1.
Sie räumte zugleich die politischen Kosten ein: „Wir müssen einige Dinge grundlegend ändern, wie wir die digitale Infrastruktur in Dänemark organisieren – aber das wird viele Menschen betreffen und viele Arten zu leben und Geschäfte zu machen“ 1. Über die konkrete Ausgestaltung des Wiederaufbauplans, seinen Umfang und seine Finanzierung ist bislang nichts bekannt; nach den Worten der Ministerin sollen darüber Verhandlungen aufgenommen werden 2.
Für den Rest Europas ist der dänische Fall mehr als eine nationale Episode. Dänemark ist der Vorreiter, an dem sich zeigt, was starke Digitalisierung an Effizienz bringt – und was sie an Angriffsfläche kostet. Ob der angekündigte Wiederaufbauplan diese Fläche tatsächlich verkleinert oder ob er sich, wie frühere Programme, in Zuständigkeitsfragen verliert, dürfte sich daran entscheiden, ob das Parlament die von der Rechnungsprüfung seit vier Jahren beanstandeten Systeme tatsächlich priorisiert.
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