Cyberabwehr beginnt plötzlich im Vorratsschrank. Großbritannien ruft Haushalte zur Vorsorge gegen mögliche Angriffe auf die Lebensmittelversorgung auf: Staatlich gestützte Angriffe könnten die Lebensmittelversorgung des Landes stören – Haushalten wird geraten, Vorräte für drei Tage anzulegen. Die Regierung hat dazu eine Checkliste veröffentlicht. Der Handel wurde davon weitgehend überrascht.
Es war ein Termin, der eigentlich der Rüstungsindustrie galt: Am Donnerstag eröffnete Verteidigungsminister Wes Streeting im englischen Telford eine Fabrik des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall, in der erstmals seit zwei Jahrzehnten wieder Panzerrohre auf britischem Boden gefertigt werden – 100 Arbeitsplätze am Standort, mehrere Hundert in der Zulieferkette 3. Die Fragen der anwesenden Journalisten drehten sich anschließend um Supermarktkassen, Trinkwasser und Taschenlampen.
Die nächste Versorgungskrise könnte digital beginnen.
Streeting nutzte den Auftritt für eine Botschaft, die weit über Rüstung hinausreicht: Staatlich gestützte Angriffe könnten die Lebensmittelversorgung Großbritanniens stören. Haushalte sollten sich auf Störungen essenzieller Lieferketten einstellen, auf ausfallende Zahlungssysteme, auf Stromausfälle. Parallel startete die Regierung die Kampagne „Be Ready“ (sinngemäß "Bereitet Euch vor"), die Bürgerinnen und Bürger auffordert, Vorräte für 72 Stunden anzulegen 1 2.
Ganz so geplant war das offenbar nicht. Wie das Wirtschaftsblatt City AM unter Berufung auf Branchenkreise berichtete, wurden die Einzelhändler erst in der Woche vor der Verkündung über den Zeitplan informiert – und erwarteten eine zurückhaltende Kampagne, angeführt vom Sicherheitsminister Dan Jarvis. Dass ausgerechnet der Verteidigungsminister die Schlagzeilen machte, sei nicht vorgesehen gewesen; Streeting habe lediglich auf Medienfragen reagiert 6.
Welche Szenarien der Minister nennt
In Telford sagte Streeting: „Sind sie auf den Fall vorbereitet, dass es Störungen essenzieller Lieferketten durch feindliche staatliche Akteure oder Terroristen geben könnte? Wie kämen wir zurecht, wenn die Zahlungssysteme der Supermärkte ausfielen?“ 3 Auf Nachfrage verwies er auf „zunehmend ausgefeilte Cyberangriffe auf unsere Unternehmen“ 3.
In der BBC-Sendung Question Time ergänzte er, die Gefahr gehe nicht nur von ausländischen Staaten aus, die Spionage oder Sabotage betrieben, sondern auch von organisierten Kriminellen. Und: „In unserer KI-gestützten Welt, birgt es auch Risiken, wenn Menschen innovieren und gegen konventionelle Verteidigungslinien anrennen.“ Die Bedrohung für das Land sei größer „als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt meines Lebens“ 1.
Bemerkenswert ist seine Begriffswahl. „Begriffe wie hybride Kriegsführung und Grey-Zone-Bedrohungen geben der Öffentlichkeit nicht genau wieder, was ich lieber als staatlich geförderten Terrorismus bezeichne“, sagte er 2. Gemeint sind Operationen unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges: Sabotage, Angriffe auf Infrastruktur, Desinformation. Streeting nennt in diesem Zusammenhang Russland und „andere feindliche Mächte“; die Bedrohungen seien „nicht hypothetisch, sondern real, und nicht irgendwo anders, sondern zunehmend hier“ 2.
Hinzu kommen klimatische Risiken: die Waldbrände des Sommers, die für diesen Winter erwarteten Überschwemmungen und das in Kürze bevorstehende besonders starke El-Niño-Ereignis, das globale Nahrungsmittel- und Energiesysteme stören könnte 1 2.
Drei Tage, neun Liter, ein Kurbelradio
Die Checkliste der Kampagne ist klar: mindestens drei Liter Trinkwasser pro Person und Tag – neun Liter für drei Tage –, zusätzlich Wasser zum Kochen und Waschen, haltbare Lebensmittel, Taschenlampen mit Batterien, Decken, Schlafsäcke, warme Kleidung, Bargeld, Ausweisdokumente, wichtige Telefonnummern, Medikamente, Babynahrung und Windeln, Erste-Hilfe-Material, Desinfektionsmittel, Tierfutter sowie ein Kurbelradio, dessen Frequenzen man sich notieren soll 2 3 8. Die Vorräte sollen schrittweise wachsen, nicht in einem Großeinkauf 3.
Damit steht Großbritannien nicht allein: Frankreich, Irland und die Niederlande gaben zwischenzeitlich ähnliche Empfehlungen, dort sei das „normaler Teil des Alltags“, sagte Streeting 1. Die letzte vergleichbare Kampagne im Land war „Protect and Survive“ von 1980 – eine Anleitung zum Überleben eines Atomkriegs, inklusive des Rats, 14 Tage Lebensmittel zu lagern 2.
Auf den Vorwurf der Panikmache entgegnete Streeting, die Regierung wolle, dass die Menschen „wachsam, jedoch nicht zwingend alarmiert“ seien. Ein konkretes Szenario habe man nicht im Sinn. Die Vorräte „könnten durch einen Stromausfall helfen, oder auch dann, wenn Ihr Laden vor Ort Opfer eines Cyberangriffs wird und Ihre Karte an der Kasse nicht funktioniert“ 1.
Die Kette ist lang, der staatliche Durchgriff klein
Genau an dieser Stelle setzt die Kritik des Rechnungshofs an. Das National Audit Office (NAO) hat im September einen Prüfbericht zur Widerstandsfähigkeit der Lebensmittelkette vorgelegt. Darin heißt es, Ernährung sei einer von 13 Sektoren kritischer nationaler Infrastruktur. Zu den akuten Risiken zählten Extremwetter, Cyberangriffe, Energieausfälle sowie Ausbrüche von Tier-, Pflanzen- und menschlichen Krankheiten; langfristig wirke der Klimawandel 4.
Der Befund ist zwiespältig: Bislang habe sich das Umweltministerium Defra weitgehend auf die Privatwirtschaft verlassen – möglich, weil das britische System weltweit beschaffen kann und Unternehmen kommerzielle Anreize haben, in Resilienz zu investieren. Doch die Fähigkeit des Sektors, katastrophale Ereignisse zu überstehen, sei „nicht getestet“, und die Maßnahmen der vergangenen Jahre reichten nicht aus 4. Die letzte nationale Übung fand 2023 statt, Lebensmittelunternehmen waren weitgehend außen vor. Defra fehle zudem die Rechtsgrundlage, Unternehmen im Ernstfall zu Maßnahmen zu verpflichten 5.
Die Datenlage bestätigt die Dringlichkeit: In einer Regierungserhebung von 2025 gaben 51 Prozent der Befragten an, ihr Haushalt sei kaum oder gar nicht auf einen Notfall vorbereitet. 75 Prozent hatten im Vorjahr keine Hinweise zur Notfallvorsorge gesehen, 66 Prozent hatten haltbare Lebensmittel für etwa drei Tage im Haus 5. „Jüngste Störungen haben die Widerstandsfähigkeit der britischen Lebensmittelkette gezeigt, aber die Risiken nehmen an Wahrscheinlichkeit und Schwere zu“, sagte NAO-Chef Gareth Davies 5.
Handel und Landwirtschaft überrumpelt und verärgert
In der Branche kam die Kampagne weniger gut an – nicht wegen des Inhalts, als wegen des Ablaufs. Ein hochrangiger Vertreter der Handelsbranche sagte, es sei „chaotisch“ gewesen, wie die Regierung versucht habe, Händler und Lieferanten auf eine höhere Nachfrage nach Produkten wie Flaschenwasser vorzubereiten. In frühen Gesprächen im Vormonat hätten Beamte nach seiner Kenntnis nur mit dem Wasserversorger Thames Water gesprochen; die Händler hätten entgegnet, man müsse mit den Abfüllern reden, nicht mit den Netzbetreibern 6.
Ein Vertreter der Unternehmenskommunikation eines großen Supermarktkonzerns sagte, es sei nicht das erste Mal, dass der Verteidigungsminister „überkommuniziere“. Die Händler zeigten sich dennoch zuversichtlich, die Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln bedienen zu können; ein Konzern berät derzeit mit Lieferanten, ob die Kampagne einen Nachfrageschub auslöst 6.
Ged Futter, ehemaliger Einkäufer bei Asda und heute Berater von Lieferanten, sagte, die Kampagne sei „mit den richtigen Absichten“ gestartet worden, „aber man weiß nie, wie alle sie interpretieren. Die einen nehmen sie ernst und denken: Was die Regierung sagt, wird nicht reichen, ich hole mehr. Die anderen ignorieren sie völlig – und das ist die Schwierigkeit für den Handel“ 6.
Der British Retail Consortium, der Tesco, Sainsbury's und Asda vertritt, warb für Gelassenheit. Es sei vernünftig, dass Haushalte auf Extremereignisse vorbereitet seien, zumal die Menschen in Großbritannien weniger vorbereitet seien als ihre europäischen Nachbarn, sagte Handelsvertreter Jim Bligh. Die Empfehlung bringe das Land näher an andere Staaten und ermutige dazu, den Vorrat schrittweise aufzubauen, indem man dem üblichen Einkauf hin und wieder eine zusätzliche Konserve hinzufüge 6.
In der Landwirtschaft fiel die Reaktion schärfer aus. Das Fachblatt Farmers Guardian titelte, Streeting werde der Panikmache bezichtigt 7.
Was Fachleute sagen
Sicherheitspolitiker und ehemalige Militärs stützen die Warnung, ohne sie zu dramatisieren. Lord Peach, früherer Chef des Verteidigungsstabs, sagte dem Independent: „Dass Russland uns Schaden zufügen will – ob durch wirtschaftliche Störungen oder die dunklen Künste –, dafür ist die Beweislage klar.“ Er verwies auf einen politisch motivierten Brandanschlag in Berlin, bei dem 45.000 Haushalte und 2.200 Unternehmen ohne Strom und Heizung blieben 3. Lord Robertson, ehemaliger Labour-Verteidigungsminister und Autor des Strategic Defence Review, hatte das Land in diesem Jahr als „untervorbereitet und unterversichert“ bezeichnet 3.
Die technische Plausibilität des Szenarios ist belegt. Auslöser der aktuellen Debatte war eine kritische Sicherheitslücke in der Programmiersprache PHP, auf der ein großer Teil des Webs läuft. 32 staatliche Websites und Dienste wurden vorsorglich vom Netz genommen, das National Cyber Security Centre verschickte 50.000 Warnmeldungen an betroffene Organisationen 1 2. Dass Ausfälle ganze Regionen treffen können, zeigte im April 2025 die iberische Halbinsel: Ein durch Spannungsschwankungen ausgelöster Kaskadeneffekt legte in Spanien und Portugal für mehrere Stunden den Strom ab, rund 55 Millionen Menschen waren betroffen 2.
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Wenige Tage nach dem Start der Kampagne verschärfte Streeting den Ton weiter: Großbritannien müsse in 1.000 Tagen kriegsbereit sein, also bis 2030 9.
Ob die Checkliste das Verhalten der Haushalte getriggert hat, ist unklar. Der Rechnungshof hat der Regierung indes empfohlen, die Planungsannahmen offenzulegen, Übungen gemeinsam mit Kommunen und Industrie durchzuführen und zu klären, welches Restrisiko sie für akzeptabel hält und wer die Kosten dafür trägt 4 5. Bis dahin verlagert die Kampagne einen Teil der Verantwortung für die Versorgungssicherheit auf die Haushalte.





