← Übersicht

Cyberangriff auf Albert Heijn: Logistik gestört, leere Regale drohen

Cyberangriff auf Albert Heijn: Logistik gestört, leere Regale drohen

Die größte Lücke steht möglicherweise bald im Regal: Nach einem Cybersecurity-Vorfall drohen bei Albert Heijn Engpässe in mehr als 1.200 Filialen.

Seit Sonntagnachmittag kämpft die niederländische Supermarktkette Albert Heijn mit einem Cybersecurity-Vorfall. Aus Vorsicht hat der Ahold-Delhaize-Konzern zahlreiche IT-Systeme abgeschaltet – mit Folgen für die Warenversorgung: In mehreren Verteilzentren ruht die Arbeit, alle bereits aufgegebenen Online-Bestellungen wurden storniert, und in den mehr als 1.200 Filialen drohen leere Regale. Die Ursache ist weiterhin unklar.

Seit Sonntagnachmittag, dem 11. Oktober, kämpft die niederländische Supermarktkette Albert Heijn mit einem „Cybersecurity-Vorfall" [1]. Betroffen sind neben Albert Heijn auch die Schwesterketten Etos (Drogerie) und Gall & Gall (Getränke), die wie Albert Heijn zum Mutterkonzern Ahold Delhaize gehören [1] [4]. Aus Vorsicht hat das Unternehmen nach eigenen Angaben mehrere IT-Systeme vorübergehend abgeschaltet, um die eigene IT-Umgebung zu schützen [1].


Die Folgen sind für Kundinnen und Kunden unmittelbar spürbar: Websites, Apps und die Kundenhotline sind nicht erreichbar, auch die Logistiksysteme wurden heruntergefahren [1] [6]. Die Filialen selbst bleiben geöffnet, und die Kassensysteme funktionieren [1].


Wie die Logistik beeinträchtigt ist


Albert Heijn betreibt in den Niederlanden sieben große Verteilzentren [2]. In mehreren davon liegt die Arbeit still, weil die Systeme aus Vorsicht abgeschaltet wurden, wie Konzernchefin Margaret Versteden-van Duijn dem Sender NOS sagte [2]. Welche Standorte noch in Betrieb sind, wollte sie nicht sagen [2].


Nach Informationen über Anweisungen an Lieferanten sollen Waren vorerst nur noch das Verteilzentrum in Zaandam anfahren, das als einziges noch betriebsbereit sei; auch das Zentrum im nordbrabantischen Tilburg, ein wichtiger Logistikknoten, war betroffen [7].


Das hat direkte Folgen für die Warenversorgung. Albert Heijn erwartet, dass die Verfügbarkeit von Produkten in den kommenden Tagen je nach Filiale und Warengruppe schwankt [1]. Tiefkühlware, Brot und länger haltbare Produkte dürften besser verfügbar bleiben als bestimmte Frischware wie Obst und Gemüse [1] [6]. Die Online-Bestellung ist komplett ausgesetzt: Neue Bestellungen sind nicht möglich, und alle bereits aufgegebenen Online-Bestellungen wurden bis auf Weiteres storniert [1] [6]. Wer schon bezahlt hat, soll entschädigt werden, sobald die Systeme wieder laufen [1].


Wie viele Filialen betroffen sind


Albert Heijn betreibt in den Niederlanden mehr als 1.200 Supermärkte [3]. Ob und wie stark einzelne Filialen betroffen sind, hängt davon ab, über welches Verteilzentrum sie beliefert werden und wie voll ihre Regale noch sind [2] [3]. Versteden-van Duijn sagte, es sei noch unklar, wie lange die Situation andauere: „Natürlich werden Regale leerlaufen, wenn es länger dauert. Das wird von Filiale zu Filiale unterschiedlich sein" [2].


Auch im Ausland sind Ahold-Delhaize-Geschäfte betroffen. In Belgien hängen alle Albert-Heijn-Filialen vom Verteilzentrum Tilburg ab, das ebenfalls von den Cyberproblemen getroffen ist; der Konzern spricht dort aber von begrenzten Auswirkungen, weil mit kleineren Mengen gearbeitet werde und zeitweise andere Verteilzentren genutzt werden könnten [4]. Bei der belgischen Kette Delhaize bleiben die Geschäfte geöffnet, Bestellungen für diese Woche sind jedoch nicht möglich [4]. Auch die Websites der fünf US-Supermarktketten von Ahold wurden offline genommen, und bei Ketten wie Albert in Tschechien funktioniert die Website, aber Bestellungen sind nicht möglich [3].


Wer dahinter steckt


Zur Ursache ist bislang wenig bekannt. Albert Heijn und Ahold Delhaize äußern sich nicht zur Art des Vorfalls [3]. Die Polizei hat nach eigenen Angaben Kontakt mit Albert Heijn aufgenommen; ein strafbares Delikt war am Montagabend noch nicht festgestellt [7]. Ob es sich tatsächlich um einen Angriff von Cyberkriminellen handelt oder um ein anderes Sicherheitsproblem, ist damit offen [7]. Auch ob Daten von Kundinnen, Mitarbeitern oder Partnern abgeflossen sind, ist unklar; einen Datenabfluss hat das Unternehmen nicht bestätigt [1] [7].


Der Sicherheitsexperte Christo Butcher vom Unternehmen Nedscaper, der nicht an der Reaktion von Ahold beteiligt ist, sieht in dem Vorgehen Parallelen zu einem Ransomware-Angriff: „Diese Reaktion von Albert Heijn ähnelt dem, was man bei einem Ransomware-Angriff tun würde. Die Symptome deuten zumindest darauf hin" [3]. Dass so viele Systeme abgeschaltet wurden, könne darauf hindeuten, dass das Unternehmen noch nicht wisse, wo die Angreifer eingedrungen seien [3].


Zeitgleich wurden hunderte französische Supermärkte Opfer eines anderen Cyberangriffs: Dort wurden Kühlsysteme manipuliert und teils auf 50 Grad Celsius eingestellt, wodurch Lebensmittel im Wert von mehreren Millionen Euro verdarben [5]. Betroffen waren Filialen unter anderem von Intermarché, E.Leclerc, Netto und Coopérative U; die Angreifer nutzten veraltete Software von Kühlgeräten eines dänischen Herstellers [5]. Ein Sprecher von Ahold Delhaize sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, es gebe keinen Anlass, einen Zusammenhang zwischen den beiden Vorfällen zu sehen [2] [5]. Butcher zufolge handelt es sich um einen grundlegend anderen Angriffstyp: Bei Albert Heijn deuteten die Anzeichen auf Angreifer, die Geld verdienen wollten, während die französische Attacke eher auf reinen Schaden ausgerichtet sei – was auf einen staatlichen Akteur oder Aktivisten hindeuten könne [3].


Wie das Unternehmen reagiert


Albert Heijn setzt auf Vorsicht statt auf schnelle Wiederinbetriebnahme. Die abgeschalteten Systeme sollen erst dann wieder hochgefahren werden, wenn ausreichend klar ist, was den Vorfall ausgelöst hat [7]. Einen Zeitplan für die vollständige Wiederherstellung nennt das Unternehmen nicht [1] [6].


Für Kundinnen und Kunden hat der Konzern mehrere Übergangslösungen angekündigt: Die Filialen bleiben geöffnet, die landesweiten Bonus-Aktionen aus der aktuellen Werbebeilage gelten weiter, und die allgemeine Bonus-Karte funktioniert [1]. Persönliche Rabatte, die an die App gekoppelt sind, sowie Sparprogramme wie Koopzegels und Air Miles sind dagegen vorübergehend außer Betrieb [1]. Weil die elektronischen Regalpreisschilder noch die Aktionen der Vorwoche anzeigen, kann der Preis am Regal vom Preis an der Kasse abweichen [1] [4]. Wer dadurch persönliche Rabatte verpasst, soll entschädigt werden; Kunden werden gebeten, ihre Kassenbons aufzubewahren [1].


Einordnung: Ein bekanntes Muster


Der Vorfall reiht sich in eine Serie von Angriffen auf den Lebensmitteleinzelhandel ein. Bereits Ende 2024 war die US-Tochter von Ahold Delhaize Ziel eines Cyberangriffs; damals stockten Lieferungen, und später zeigte sich, dass Daten von 2,2 Millionen Menschen gestohlen worden waren, darunter sensible Personaldaten von Beschäftigten – auch von niederländischen Ahold-Mitarbeitern [3]. Die Attacke wurde damals von der Gruppe INC Ransom reklamiert, die mit dem russischen Staat in Verbindung gebracht wird [3].


Der Fall zeigt, wie eng die einzelnen Ketten eines Konzerns technisch verflochten sind: Ein Vorfall in den Niederlanden schlägt sich binnen Stunden in Belgien, Tschechien und den USA nieder [3]. Für den Handel ist das ein strukturelles Risiko. Je stärker Bestellwesen, Lagerhaltung, Transport und Preisauszeichnung digitalisiert sind, desto größer ist die Angriffsfläche – und desto schwerer wiegt ein Ausfall, weil sich die Prozesse kaum noch analog auffangen lassen. Ob Albert Heijn diesmal mit einem Datenabfluss oder einer Lösegeldforderung konfrontiert wird, dürfte sich erst zeigen, wenn das Unternehmen und die Ermittler mehr Klarheit haben.