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Binance zahlt aus und ersetzt 95 Prozent der Beute

Binance zahlt aus und ersetzt 95 Prozent der Beute

Krypto-Handel rund um die Uhr: Nach dem Rekord-Hack nimmt Binance Auszahlungen schrittweise wieder auf (Symbolbild)

Drei Tage nach dem bislang größten Diebstahl in der Geschichte der Kryptobörsen hat Binance den Auszahlungsbetrieb wieder aufgenommen. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen inzwischen rund 95 Prozent der gestohlenen Vermögenswerte ersetzt oder gesichert; entwendet wurden Vermögenswerte im Wert von 6,3 Milliarden US-Dollar. Für die meisten Kunden endet der Fall damit wohl glimpflich – behoben ist der Vertrauensschaden damit nicht.

Auszahlungen kehren stufenweise zurück


Rund drei Tage lang waren Ein- und Auszahlungen bei Binance vollständig ausgesetzt 2. Am Sonntag, 1. November, öffnete die Börse eine erste Phase – zunächst für Bitcoin. Weitere Kryptowährungen und Netzwerke sollen schrittweise folgen, „sobald die Sicherheitsprüfungen abgeschlossen sind und die jeweiligen Dienste bereit sind“, teilte das Unternehmen auf der Plattform X mit 1. Die Reihenfolge orientiere sich an der Nachfrage der Nutzer; Verzögerungen seien weiterhin möglich. Der Zugang zu den Geldern der Kunden habe Priorität 1.


6,3 Milliarden Dollar in rund 20 Minuten


Betroffen waren nach Unternehmensangaben Vermögenswerte im Wert von rund 6,3 Milliarden Dollar, umgerechnet etwa 5,6 Milliarden Euro 2. Öffentlich bekannt wurde der Angriff am Donnerstag, 29. Oktober 5.


Nach den bisherigen Untersuchungen führte der Weg über den kompromittierten Laptop eines IT-Mitarbeiters. Von dort aus sollen die Angreifer Zugriff auf einen sogenannten Service-Container erlangt haben, über den sich unerlaubte Auszahlungsaufträge auslösen ließen 2. Der Cybersicherheitsexperte Mirko Ross erklärt den Mechanismus so: Eine Börse wie Binance gebe Transaktionen nicht einfach frei, sondern über ein Zertifikatssystem – Schlüssel, die eine Überweisung erlauben. Die Angreifer hätten sich „quasi selber Transaktionen freigeben lassen“ 4.


Lesen Sie auchBinance: Hacker erbeuten offenbar 6,3 Milliarden Dollar in nur 20 Minuten→


Hinzu kam nach Angaben von Binance Schadsoftware, mit der die Täter ihre Spuren verwischten; der Großteil der Beute wurde innerhalb von nur 20 Minuten transferiert 3. Der Angriff selbst dürfte deutlich länger gedauert haben. Ross: „Die Angreifer haben erstmal Testtransaktionen gemacht, die haben nicht sofort das Schließfach ausgeräumt.“ Es habe mehrere Stunden lang Aktivität gegeben – „und das ist natürlich besorgniserregend, dass diese Aktivität nicht aufgefallen ist“ 4. Hinweise darauf, dass private Schlüssel der Wallets gestohlen wurden, gibt es bislang nicht 2.


Die US-Bundespolizei FBI macht die nordkoreanische Hackergruppe TraderTraitor für die Attacke verantwortlich, die als Teil der Lazarus-Gruppe gilt 5. Bereits zuvor hatte die Analysefirma TRM Labs erklärt, sie sei „ziemlich sicher“, dass die Spur nach Pjöngjang führe 5. Die Regierung in Nordkorea weist solche Vorwürfe regelmäßig zurück 3.


Wie Binance die Lücke schloss


Rund die Hälfte der gestohlenen Summe ließ sich nach Angaben des Unternehmens mit Partnern einfrieren. Genannt werden die Stablecoin-Anbieter Tether und Circle sowie das Unternehmen Ripple 3 6. Zusätzlich stellte Binance nach eigenen Angaben mehr als sechs Milliarden Dollar aus eigenen Mitteln zur Deckung der Verluste bereit, später beziffert auf rund 6,34 Milliarden Dollar. Darin enthalten ist eine teilweise Nutzung des unternehmenseigenen Sicherungsfonds SAFU (Secure Asset Fund for Users), der ursprünglich mit einer Milliarde Dollar ausgestattet war und vollständig in Bitcoin gehalten wird 3 6. Woher die Mittel im Einzelnen stammen, teilte das Unternehmen nicht mit 6.


Bis Samstag meldete Binance, rund 90 Prozent der gestohlenen Werte seien ersetzt oder gesichert. Die verbleibenden zehn Prozent bestünden aus weniger liquiden Token, deren Beschaffung länger dauern könnte 3. Zwei Tage später waren es rund 95 Prozent: Bitcoin, Ethereum, USDT, BNB, Solana, USDC und XRP seien wieder vollständig gedeckt, fehlende Bestände wolle man über den Markt und außerbörsliche Geschäfte beschaffen 1 7.


Dabei bleibt eine begriffliche Unschärfe: In den Mitteilungen ist von eingefrorenen, bereitgestellten und ersetzten Beträgen die Rede, teils im selben Atemzug 3 7. Wer die Zahlen nachrechnet, landet bei einer Rücklage von 6,34 Milliarden Dollar – nahezu der Gesamtschaden –, während zugleich nur 95 Prozent ersetzt sein sollen. Der Unterschied verweist auf die illiquiden Token, die Binance erst am Markt beschaffen muss 3.


Was Betroffene erwarten können


Binance hat zugesagt, die finanziellen Folgen der gestohlenen Gelder selbst zu tragen und nicht den Nutzern anzulasten 1. Die Kundenguthaben sollen eins zu eins wiederhergestellt werden. Ein gesondertes Antrags- oder Entschädigungsverfahren ist in den bisherigen Mitteilungen des Unternehmens nicht angekündigt; für Außenstehende nachvollziehbar ist die Deckung nur begrenzt.


Dafür soll der am Montag vorgelegte Deckungsnachweis („Proof of Reserves“) sorgen, zunächst für zehn Währungen, darunter Bitcoin, Ethereum und der hauseigene Binance Coin 7 3. Mit dem kryptographischen Verfahren können Nutzer rechnerisch prüfen, ob ihre individuellen Guthaben tatsächlich durch reale Bestände gedeckt sind 7. Ein solcher Nachweis ist allerdings eine Stichtagsbetrachtung – über die Sicherheit der darauffolgenden Tage sagt er nichts.


Für die verbleibenden rund fünf Prozent, also die weniger liquiden Token, gibt es bislang keinen Zeitplan 3. Ross rät Anlegern, Bestände, die sie nicht aktiv handeln, auf eine sogenannte Cold Wallet zu verschieben, also eine nicht am Internet hängende Geldbörse 4.


Milliardenabflüsse und ein Datenstreit


Die Wiedereröffnung hat eine Abhebewelle ausgelöst: Nach Binance-Angaben zogen Kunden 3,64 Milliarden Dollar ab, was 2,1 Prozent der verwalteten Vermögenswerte entspreche. Die Analyseplattform DefiLlama bezifferte die Abflüsse auf 5,81 Milliarden Dollar; Binance widersprach und verwies auf interne Transfers auf neue eigene Wallets, die fälschlich mitgezählt würden 7.


An den Märkten war die erste Reaktion deutlich: Nach Bekanntwerden des Angriffs verlor Bitcoin rund fünf Prozent, Ethereum fast sechs, der hauseigene Binance Coin zehn Prozent 6 7. Am Montag notierte Bitcoin wieder über 78.000 Dollar 7.


Was der Fall für zentralisierte Plattformen bedeutet


Der Fall ist eine Größenordnung für sich: Bei der bislang schwersten Attacke auf eine Kryptobörse waren Anfang 2025 rund 1,5 Milliarden Dollar bei Bybit erbeutet worden, ebenfalls mit nordkoreanischer Spur 2. Binance verwahrte 2025 nach eigenen Angaben Vermögenswerte von 162,8 Milliarden Dollar für rund 335 Millionen registrierte Nutzer 3 6. Wer Guthaben auf einer Börse hält, trägt damit das Gegenparteirisiko des Betreibers – trotz aller Ersatzzusagen.


Der Analyst Salah-Eddine Bouhmidi vom Brokerhaus IG verwies darauf, dass trotz der Zusage, die Verluste zu ersetzen, Fragen zur Sicherheit und Verwahrung digitaler Werte wieder in den Vordergrund rückten 6. Bernardo Brits, Chef des Zahlungsdienstleisters Trace Finance, warnte, Angriffe ließen sich immer schwerer abwehren: „Künstliche Intelligenz kann Schwachstellen schneller finden, als sie behoben werden können“ 6. In der Europäischen Union reguliert die seit Ende 2024 geltende Marktverordnung MiCA unter anderem die Verwahrung von Kryptowerten; wie weit die Haftung einer Plattform bei Angriffen reicht, ist damit nicht abschließend geklärt.


Offen ist, wann die letzten Token beschafft sind und was der angekündigte technische Untersuchungsbericht über den Freigabeprozess zeigt. Binance will ihn veröffentlichen, „sobald die Ermittlungen abgeschlossen und alle Fakten überprüft sind“ 2.

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