← Übersicht

Polizei in MV wartet seit 16 Monaten auf Diensthandys

Polizei in MV wartet seit 16 Monaten auf Diensthandys

Gesperrte Mobilgeräte: Die Dienst-Smartphones der Landespolizei Mecklenburg-Vorpommern sind seit Juni 2025 abgeschaltet (Symbolbild)

Seit dem Sommer 2025 arbeiten die Streifenpolizisten in Mecklenburg-Vorpommern wieder mit Funkgerät und Schreibblock. Nach einem Hackerangriff wurden die Dienst-Smartphones abgeschaltet – und die Neuausrüstung verzögert sich weiter. Eigentlich sollten die ersten Geräte Anfang Oktober in drei Pilotdienststellen eintreffen. Sie kamen nicht.

Ein Angriff auf den Verwaltungsserver der Handys


Anfang Juni 2025 verschafften sich Unbekannte Zugriff auf einen Server der Landespolizei Mecklenburg-Vorpommern. Betroffen war nicht ein Ermittlungssystem, sondern der sogenannte mPol-Server, der die dienstlichen Mobiltelefone vernetzt und verwaltet 1. Die Angreifer nutzten nach Angaben des Innenministeriums in Schwerin zwei Sicherheitslücken einer Software, die weltweit von Behörden und Unternehmen zum Management von Mobilfunkgeräten eingesetzt wird 2.


Das Ausmaß des Vorfalls wurde erst nach und nach öffentlich. Zunächst hatte das Ministerium mitgeteilt, die Polizei könne die Geräte „für einige Tage nicht in vollem Umfang nutzen“. Wenige Wochen später stand fest: Die Smartphones durften überhaupt nicht mehr eingeschaltet werden. Nach NDR-Informationen ging es um mehr als 3.500 Geräte, die möglicherweise dauerhaft unbrauchbar sind 1. Die Deutsche Presse-Agentur berichtet inzwischen, dass die Dienst-Smartphones von rund 6.000 Polizistinnen und Polizisten eingezogen wurden 3.


Was kompromittiert wurde – und was nicht


Auf dem Management-Server lagen nach Darstellung des Ministeriums keine Daten aus Ermittlungs- oder Personalakten. Betroffen waren Rufnummern der Mobiltelefone, Gerätenummern und die Namen der Nutzer, also der Beamtinnen und Beamten 2. Nach NDR-Informationen kamen möglicherweise weitere interne Angaben hinzu: Nutzername, Dienstgrad, Dienststelle, dienstliche E-Mail-Adressen und Zugangsinformationen der Geräte 1.


Die entscheidende Frage ist bis heute, ob und wie viel davon tatsächlich abgeflossen ist. Das Ministerium ließ den angegriffenen Server nachbauen und verschiedene Angriffswege nachstellen. „Nunmehr ist ein Weg ausgetestet worden, der verhältnismäßig spurenarm Datenausleitungen zulässt“, erklärte eine Sprecherin im Juli 2025. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Angreifer auf dem Server eine Datei mit zumindest einem Teil der Daten bereitgelegt und diese in kleinen Teildateien ausgeleitet haben. In welchem Umfang das gelang, sei „nicht mehr feststellbar“ 2.


Bemerkenswert ist der Ablauf der Entdeckung. Nach NDR-Informationen wurden Warnhinweise des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zu spät registriert. Erst nach Hinweisen der Telekom wurden Smartphones und Server abgeschaltet – da lief der Angriff bereits 1.


Warum die neuen Geräte noch nicht da sind


Im Januar 2026 entschied sich das Innenministerium gegen eine schnelle Übergangslösung und für einen grundlegenden Neuaufbau der mobilen Polizei-IT. „Es geht nicht um punktuelle Anpassungen oder den Austausch einzelner Endgeräte“, sagte Innenminister Christian Pegel (SPD) damals. Der Prozess sollte voraussichtlich bis Ende 2026 dauern 5.


Im August 2026 kündigte das Ministerium dann an, „noch im August“ starte die Pilotphase mit den ersten mobilen Endgeräten – zunächst in drei Revieren 4 6. Anfang Oktober sollten die Geräte dort eintreffen. Sie kamen nicht; der Termin war zuvor bereits mehrfach verschoben worden. Einen neuen Zeitplan nannte das Ministerium nicht 3.


Als Grund verweist das Ressort auf eine Sicherheitsumgebung, über die die Geräte auf die Polizeiserver zugreifen müssen. Diese Umgebung stelle die Polizei nicht selbst bereit, sondern ein externer Dienstleister; sie befinde sich „in der End- und Funktionsprüfung“ 3. Für die Beamtinnen und Beamten bedeutet das: Sie warten auf eine Komponente, deren Fertigstellung sie nicht beeinflussen können – und die auch das Ministerium nicht nennt.


Zugleich sind die neuen Geräte funktional beschnitten. Zunächst soll es Telefonie, Zugriff auf die wichtigsten Datenbanken für Recherchen im Streifendienst und den polizeiinternen Messengerdienst geben; weitere Anwendungen sollen schrittweise nachgeliefert werden. Ein vollwertiger Internetzugang ist zunächst nicht vorgesehen – ein Punkt, der im Landtag für Kritik sorgte 4 6.


Funkgerät, Stift, Block


Seit dem Sommer 2025 läuft der Streifendienst wieder über Polizeifunk. Abfragen in polizeilichen Datenbanken sind nicht mehr mobil möglich, ebenso wenig SMS, der Versand von Fotos oder Dateien; auch die private Nutzung über eine zweite SIM-Karte fiel weg 1. Die GdP-Landesvorsitzende Kristin Frosch verweist auf den praktischen Unterschied: Mit Smartphones könnten Beamte an einer Unfallstelle Fotos machen, diese hochladen und die Erfassung vor Ort abschließen; Ausweise scannen und Abfragen im internen Informationssystem erledigen. „Es ist verheerend“, sagte sie mit Blick auf die erneute Verzögerung 3.


Frosch verweist auf andere Bundesländer, etwa Hessen, wo dies funktioniere – dort sei allerdings von Anfang an in eine starke digitale Infrastruktur investiert worden. Für Mecklenburg-Vorpommern fordert sie „einen verbindlichen Digitalisierungsfahrplan für die Landespolizei, der auskömmlich finanziert und mit den nötigen Stellen unterlegt ist“ 3.


Die Opposition im Landtag hatte den Vorgang schon im Sommer scharf kritisiert. Die stellvertretende CDU-Landesvorsitzende Ann Christin von Allwörden sagte, Polizistinnen und Polizisten arbeiteten „im Jahr 2026 wie vor Jahrzehnten. Das ist beschämend“. Der innenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Nikolaus Kramer, sprach von einem „fortgesetzten sicherheitspolitischen Totalausfall mit Ansage“ 4.


Ermittlungen im Verborgenen


Zu den Tätern hingegen ist öffentlich wenig bekannt. Das LKA Mecklenburg-Vorpommern übernahm die Ermittlungen 1. Der Innenausschuss des Landtags wurde in einer als „Verschlusssache“ eingestuften Sitzung informiert – die Abgeordneten wurden zur Verschwiegenheit verpflichtet 1. Offen ist auch, ob über den Datenverbund andere Landespolizeien betroffen sind, die ebenfalls mPol nutzten 1. Das Ministerium äußert sich zu laufenden Ermittlungen grundsätzlich nicht.


Einordnung


Der Fall ist mehr als eine kleine Panne. Er zeigt, wie lange ein einzelner kompromittierter Verwaltungsserver eine wichtige Behörde wie die Polizei ausbremsen kann. Die Geräte wurden ab Herbst 2020 beschafft, 2023 kamen 1.300 weitere hinzu; die Ausstattung war als Modernisierungsprojekt mit Millionenaufwand angelegt 1. Übrig geblieben ist der Rückfall auf die Nutzung von Funkgeräten.


Weiter zeigt sich eine Governance-Lücke. Die neue Sicherheitsumgebung, ohne die kein Gerät ins Netz darf, liegt bei einem externen Anbieter. Das Ministerium kann weder Tempo noch Ergebnis steuern, muss die Verzögerung aber politisch verantworten. Eine belastbare Zeitangabe gibt es auch deshalb nicht – und die wiederholten Ankündigungen haben ihre Funktion als Planungsgröße eingebüßt.


Drittens steht die Zusage, bis Ende 2026 wieder vollständig mobil ausgestattet zu sein, auf wackligen Füßen. Selbst wenn die Pilotphase in drei Revieren kurzfristig beginnt, folgt daraus noch kein flächendeckender Rollout – das Ministerium macht diesen ausdrücklich vom Verlauf des Tests abhängig 6. Bei rund 6.000 Beamtinnen und Beamten ist der Weg bis zur Vollausstattung weit.


Ob andere Länder ähnliche Schwachstellen in ihren mobilen polizeilichen IT-Strukturen aufweisen, ist unklar. Der Fall aus Schwerin liefert nun immerhin eine deutliche Warnung: Wer die Verwaltungsebene der Geräte nicht im Blick hat, verliert im Zweifel die Geräte selbst.

Ähnliche Artikel

Fall Hanning: Welche Pensionsansprüche Ex-Spitzenbeamten noch bleiben
Deutschland12.10.2026
Fall Hanning: Welche Pensionsansprüche Ex-Spitzenbeamten noch bleiben
Großbritannien und Deutschland schmieden Cyber-Pakt gegen Russland
Deutschland9.10.2026
Großbritannien und Deutschland schmieden Cyber-Pakt gegen Russland
NRW infiltriert russische Hackergruppe Qilin – Verdächtiger in Haft
Deutschland8.10.2026
NRW infiltriert russische Hackergruppe Qilin – Verdächtiger in Haft
Nach dem Berliner Datenklau: Wie sicher sind die Behörden im Norden?
Deutschland16.9.2026
Nach dem Berliner Datenklau: Wie sicher sind die Behörden im Norden?
Offene Datenbank bei Nextcloud: Der Souveränitäts-Champion stolpert über die eigene Infrastruktur
Cybersicherheit8.7.2026
Offene Datenbank bei Nextcloud: Der Souveränitäts-Champion stolpert über die eigene Infrastruktur