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#derimeter: Indiens Regierung nennt Telegram das "neue Darknet" – was das für Deutschland bedeutet

#derimeter: Indiens Regierung nennt Telegram das "neue Darknet" – was das für Deutschland bedeutet

Die Debatte um Telegram als "neues Darknet" erreicht Europa

Berlin/Neu-Delhi. Ist Telegram auf dem Weg, das klassische Darknet als bevorzugte Plattform für Kriminelle abzulösen? Mit dieser provokanten These hat die indische Regierung in der vergangenen Woche eine Debatte neu entfacht, die weit über den Subkontinent hinausreicht – und in Deutschland seit Jahren mit wachsender Sorge geführt wird.


In einem Verfahren vor dem Delhi High Court bezeichnete die Regierung den Messenger-Dienst als das "neue Darknet" und warf dem Unternehmen vor, Cyberkriminalität, Betrug und die Verbreitung illegaler Inhalte systematisch zu begünstigen [1]. Das Gericht bestätigte am 19. Juni 2026 die vorübergehende Sperre der Plattform – ein Vorgang, der in dieser Form in Indien bislang ohne Präzedenz ist [2].


Auslöser: eine geleakte Medizin-Prüfung


Auslöser der Eskalation ist ein Betrugsskandal rund um den National Eligibility-cum-Entrance Test (NEET), Indiens größte Medizin-Aufnahmeprüfung, an der jährlich Millionen Studierende teilnehmen. Die ursprüngliche Prüfung im Mai 2026 war nach Vorwürfen eines massiven Paper Leaks annulliert worden – landesweite Proteste waren die Folge [3].


Für die Wiederholungsprüfung am 21. Juni ordnete die Regierung unter Berufung auf Section 69A des Information Technology Act eine temporäre Sperre Telegrams bis zum 22. Juni an. Die National Testing Agency (NTA) begründete dies mit dem "organisierten Einsatz der Plattform durch Betrugsnetzwerke" [7]. Telegram-CEO Pavel Durov nannte die Sperre auf X einen "Fehler" und argumentierte, die Verantwortlichen für das Leak seien längst auf andere Apps ausgewichen [3].


Das Delhi High Court unter Vorsitz von Justice Tejas Karia wies die Klage Telegrams am Freitag zurück. Die Maßnahme sei verhältnismäßig und stelle das "mildeste Mittel" dar, um die Integrität der Prüfung zu schützen [2].


"Das neue Darknet" – was die indische Regierung damit meint


Die Wortwahl der indischen Regierung ist bewusst zugespitzt. Technisch ist Telegram kein Darknet-Dienst – die App ist frei zugänglich und benötigt keine spezielle Software. Doch die vorgelegten Daten zeichnen ein Bild, das Sicherheitsbehörden weltweit alarmiert.


Laut einer Analyse des Indian Cyber Crime Coordination Centre (I4C), auf die sich die Regierung vor Gericht stützte, stiegen die Beschwerden über kriminelle Aktivitäten auf Telegram von 75.688 im Jahr 2023 auf 2,75 Lakh (275.000) im Jahr 2025 – mit gemeldeten Betrugssummen von über 3.000 Crore Rupien (rund 330 Millionen Euro). Bis Mai 2026 waren bereits mehr als 88.000 neue Beschwerden eingegangen [1].


Solicitor General Tushar Mehta führte vor Gericht aus, Kriminelle nutzten Telegram, "um Links auf Kanälen zu posten, die über Deep-Web-Links mit Darknet-Foren verbunden sind". Dies mache es für Behörden extrem schwierig, Täter zu identifizieren. Zudem könne "die gesamte Population eines Kanals – rund ein Lakh Nutzer – in Sekunden auf einen anderen Kanal verschoben werden". Diese Architektur sei "einzigartig für Telegram und stellt ein ernstes Risiko dar" [1].


Deutschland kennt das Problem seit Jahren


Die Vorwürfe aus Neu-Delhi treffen in Deutschland auf eine seit langem schwelende Debatte. Bereits im Januar 2022 richtete das Bundeskriminalamt (BKA) eine eigene "Taskforce Telegram" ein. BKA-Präsident Holger Münch sprach damals von einer "besorgniserregenden Entwicklung": "Insbesondere die Corona-Pandemie hat dazu beigetragen, dass sich Menschen auf Telegram radikalisieren, andere bedrohen oder sogar Mordaufrufe veröffentlichen" [4].


Ziel der Taskforce war es, Tatverdächtige zu identifizieren und die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen zu verbessern – insbesondere bei der Aufklärung von Aufrufen zu Tötungsdelikten und weiteren schweren Straftaten [4]. Doch die Bilanz ein Jahr später fiel ernüchternd aus. Wie Recherchen von WDR und Süddeutscher Zeitung im Januar 2023 zeigten, hatte sich an der mangelnden Kooperation Telegrams wenig geändert [6].


Staatsanwalt Christoph Hebbecker von der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime (ZAC) in Köln brachte es auf die Formel: "Wir kommen an Telegram einfach nicht ran". Von 230 "herausgehobenen" Datenanfragen des BKA beantwortete Telegram nur etwas mehr als 60 – und lediglich in 25 Fällen wurden tatsächlich Nutzerdaten übermittelt [6].


Das Bundesamt für Justiz verhängte im Herbst 2022 zwei Bußgeldbescheide über insgesamt rund 5,1 Millionen Euro gegen Telegram wegen Verstößen gegen das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG). Telegram legte Einspruch ein – das Verfahren ist bis heute nicht abgeschlossen [6].


Parallelen, die aufhorchen lassen


Die Argumentationslinie der indischen Regierung weist bemerkenswerte Parallelen zu den Erfahrungen deutscher Behörden auf. Auch in Deutschland beklagen Ermittler seit Jahren, dass Telegrams Architektur – große öffentliche Kanäle, minimale Moderation, verschlüsselte Kommunikation und die Weigerung, Nutzerdaten herauszugeben – ein Umfeld schafft, in dem sich Kriminelle, Extremisten und Betrüger weitgehend sicher fühlen [5].


Der Politikwissenschaftler Jan Rathje vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) konstatierte bereits 2022: "Telegram wurde so beliebt, weil andere soziale Netzwerke angefangen haben, strafbare Inhalte zu löschen und damit solche Akteure von der Plattform zu vertreiben". Telegram sei eine "Ausweichplattform zur Radikalisierung" geworden [5].


Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hat im vergangenen Jahr ein Forschungsprojekt an die Ludwig-Maximilians-Universität München vergeben, das die Rolle Telegrams bei der Online-Radikalisierung wissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse stehen noch aus [6].


Ein Dilemma ohne einfache Lösung


Der Fall aus Indien illustriert ein grundsätzliches Dilemma, vor dem Demokratien weltweit stehen. Telegram hat nach eigenen Angaben mehr als 150 Millionen aktive Nutzer allein in Indien – viele davon nutzen die Plattform für legitime Zwecke wie Bildungsinhalte, journalistische Arbeit oder private Kommunikation [3]. Eine pauschale Sperre trifft daher nicht nur Kriminelle, sondern eine breite Zivilgesellschaft.


Justice Karia brachte dieses Spannungsfeld während der Verhandlung auf den Punkt: "Wie können wir die Rechte von 150 Millionen Menschen einschränken, nur weil eine Gruppe von Bürgern eine Prüfung ablegt?" [1]. Die Regierung konterte mit dem Verweis auf Internet-Sperren bei Unruhen – auch dort seien oft nur zehn Prozent der Betroffenen tatsächlich Unruhestifter.


Für Deutschland ist die Diskussion mehr als eine Meldung aus Fernost. Die Erfahrungen mit der Taskforce Telegram, die schleppende Kooperation des Unternehmens und die anhaltende Nutzung der Plattform durch extremistische Netzwerke zeigen, dass die Frage längst nicht mehr lautet, ob Kriminelle Messenger-Dienste missbrauchen – sondern wie weit Betreiber, Politik und Strafverfolger gehen dürfen, um dagegen vorzugehen.


Die indische Regierung hat mit ihrer drastischen Wortwahl vom "neuen Darknet" eine Debatte zugespitzt, die in Europa bislang eher verhalten geführt wurde. Dass das Delhi High Court die Sperre nun als verhältnismäßig bestätigt hat, dürfte auch in Berlin, Brüssel und anderen Hauptstädten aufmerksam registriert werden. Denn je stärker Messenger-Dienste zu zentralen Infrastrukturen digitaler Kommunikation werden, desto größer wird der Druck auf ihre Betreiber, Verantwortung für das zu übernehmen, was auf ihren Plattformen geschieht.