In einem Kontrollraum in Cork haben Forscher der Munster Technological University (MTU), Angehörige der irischen Marine und Streitkräfte sowie Studierende einen simulierten Cyberangriff auf einen Hafen abgewehrt. Die von Airbus mitentwickelte Übung "Cybersecurity Smart Maritime Challenge 2026" spiegelt ein Szenario, in dem ein Hafen lahmgelegt und ein Schiff manövrierunfähig wird. Die Beteiligten sehen darin vor allem eine Lehre: Gegen solche Angriffe hilft nur branchenübergreifende Zusammenarbeit.
Ein Hafen fällt aus, ein Schiff blockiert die Zufahrt
Der Angriff beginnt im Digitalen und trifft die reale Logistik. In der Simulation wird ein Hafen – vergleichbar dem Port of Cork – durch einen Cyberangriff lahmgelegt. Parallel wird ein Schiff attackiert, sodass die Besatzung die Kontrolle über dessen Betrieb verliert. Das manövrierunfähige Schiff blockiert die Zufahrt zum Hafen, der gesamte Verkehr kommt zum Erliegen [1].
Die Übung fand im Kontrollraum des Nimbus Research Centre der MTU in Cork statt. Dort steht eine IT-Sandbox zur Verfügung, in der Angriffe gefahrlos ausgelöst und abgewehrt werden können, während reale Infrastrukturen und Umgebungen nachgebildet werden [1]. Das Szenario wurde von Airbus in Zusammenarbeit mit der MTU entwickelt [1] [2].
Teilnehmer waren Angehörige der irischen Marine (Naval Service), der Streitkräfte (Defence Forces) – eine Mischung aus Marine- und Armeepersonal –, Cybersicherheitsexperten der Hochschule sowie Studierende des Postgraduiertenprogramms Cyber Innovate [1].
Was die Übung konkret testete
Die Aufgabe der Teams war dreigeteilt: Sie mussten den Angriff stoppen, die Kontrolle über das Schiff zurückgewinnen und mit Open-Source-Intelligence-Werkzeugen (OSINT) den Urheber identifizieren, um Europol bei der Ergreifung des Anführers der Hackergruppe zu unterstützen [1] [2].
Damit rückt die Übung mehrere Schwachstellen in den Fokus, die für maritime Infrastruktur typisch sind:
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Die Verzahnung von IT und Betriebstechnik: Ein Angriff auf die Hafen-IT kann unmittelbar physische Abläufe wie die Schiffssteuerung oder die Zufahrtsregelung treffen.
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Die Identifikation der Angriffspunkte: Die Teams mussten herausfinden, an welchen Stellen die Angreifer eingedrungen waren.
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Entscheidungen unter Zeitdruck: Die Simulation verlangte Reaktionen, während sich die Lage zuspitzte.
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Attribution: Die Täteridentifikation über offene Quellen ist Teil der Aufklärung und Strafverfolgung.
Dr. George O'Mahony, Vizedekan für Forschung und Innovation an der MTU und Leiter des dortigen Informatikinstituts, beschreibt den Ansatz so: "Durch realistische Simulationen wie die Cybersecurity Smart Maritime Challenge auf einer hochmodernen Cyber-Range-Plattform können Teilnehmer die Komplexität der Reaktion auf einen großen Cyberangriff erleben, ihre technischen und Problemlösungsfähigkeiten entwickeln und lernen, unter Druck Entscheidungen zu treffen" [1].
"Kein Einzelner kann das lösen"
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Übung ist organisatorischer Natur. Brian Smith vom Communications Information Service (CIS) der Marine in Haulbowline bei Cork sagte, die Bedrohungslage verändere sich, Cyberangriffe nähmen zu: "Es vergeht kein Tag, an dem staatliche oder nichtstaatliche Akteure nicht Länder angreifen. Irland muss darauf vorbereitet sein. Und der öffentliche wie der private Sektor haben eine Rolle zu spielen" [1].
Aus der Beobachtung der Übung zog er eine klare Schlussfolgerung: "Was heute deutlich wurde, ist, dass kein Einzelner mit einem einzigen Kompetenzprofil die Aufgabe lösen kann. Es zeigt, dass man Menschen aus verschiedenen Branchen zusammenbringen muss" [1].
O'Mahony ergänzt, solche praktische Ausbildung und Zusammenarbeit sei "entscheidend, um die Pipeline qualifizierter Cybersicherheitsfachkräfte aufzubauen, die Irland braucht, um auf neue Bedrohungen zu reagieren" [1].
Warum Häfen zur kritischen Infrastruktur zählen
Häfen sind Knotenpunkte für Handel und Versorgung – fällt ihre IT aus, wirkt das weit über den Hafen hinaus. Die MTU verweist zudem auf einen wachsenden Faktor: die Offshore-Windenergie, die zu einem Eckpfeiler der irischen Energiezukunft und einem Schlüssel für die Klimaziele der EU werden soll. Damit wächst die Zahl digital vernetzter Anlagen auf See, die geschützt werden müssen [2].
Ronan Coleman, Direktor von Cyber Innovate, ordnet die Übung in den europäischen Kontext ein: Seit Irland im Juli dieses Jahres die EU-Ratspräsidentschaft übernommen habe, seien maritime Sicherheit und Verteidigung ein nationaler Schwerpunkt. "Mehr denn je sind Simulationen wie die Cybersecurity Smart Maritime Challenge entscheidend, um auf die Bedrohungen vorbereitet zu sein, denen wir uns gegenübersehen könnten" [1].
Die Bedrohungslage ist auch jenseits der Übung dokumentiert. Ein Entwurf für einen Cyberverteidigungsplan stuft Irland als verwundbar gegenüber feindlichen Gruppen und Staaten ein [6]. Die Streitkräfte bauen eine rund 300 Mann starke militärische Cyber-Kommandostruktur auf [4] und beteiligten sich im Dezember 2025 an der nach eigenen Angaben weltweit größten Cyberverteidigungsübung, die von der NATO ausgerichtet wurde [5].
Ein Land, das die Bedrohung aus eigener Erfahrung kennt
Dass ausgerechnet die MTU diese Übung ausrichtet, hat einen Hintergrund: Die Hochschule war im Februar 2023 selbst Opfer eines Ransomware-Angriffs, der weite Teile ihrer IT-Systeme lahmlegte und mehrere Campusse in Cork zur Schließung zwang. Die Kosten des Vorfalls stiegen nach Angaben der Hochschule auf 4,2 Millionen Euro [3].
Die Übung ist damit auch ein Beispiel dafür, wie eine Organisation aus einem eigenen Sicherheitsvorfall strukturelle Konsequenzen zieht – und die gewonnenen Erkenntnisse in die Ausbildung des eigenen Nachwuchses einfließen lässt. Die MTU betreibt nach eigenen Angaben eine Cyber-Range-Plattform, die in Irland einzigartig ist und simulierte Angriffe auf virtuelle Organisationen in einer sicheren Umgebung erlaubt [2].
Ausblick
Die "Cybersecurity Smart Maritime Challenge" ist keine einmalige Aktion, sondern Teil einer Reihe: Bereits 2025 hatte die MTU gemeinsam mit der irischen Marine und dem National Maritime College of Ireland (NMCI) eine vergleichbare Übung ausgerichtet, damals mit vier Teams [2]. Dass das Format wiederholt wird, deutet auf eine Institutionalisierung der Übungspraxis hin.
Für die Betreiber kritischer Hafeninfrastruktur bleibt die zentrale Botschaft der Übung nüchtern: Technische Abwehr allein reicht nicht. Gefragt sind abgestimmte Abläufe, klare Zuständigkeiten zwischen öffentlicher Hand und Privatwirtschaft – und Personal, das im Ernstfall unter Druck handlungsfähig bleibt. Ob sich diese Erkenntnisse in dauerhafte Investitionen übersetzen, wird sich nicht in der Simulation entscheiden, sondern im Betrieb.
