← Übersicht

Moldau meldet schweren Cyberangriff auf staatliche IT-Systeme

Moldau meldet schweren Cyberangriff auf staatliche IT-Systeme

Moldaus digitale Verwaltung unter Beschuss – Regierung zieht erste personelle Konsequenzen.

Die Republik Moldau hat den bislang schwersten bekannten Cyberangriff auf ihre digitale Verwaltung eingeräumt: Innerhalb von fünf Tagen wurden aus staatlichen Informationssystemen Datensätze zu rund 750.000 Identifikationsnummern abgezogen, 82 öffentliche Dienste waren zeitweise nicht erreichbar. Die Regierung in Chișinău spricht von Hinweisen auf eine „breitere Kampagne“ ausländischer staatlicher Akteure und hat die Leiterin der E-Government-Agentur abgelöst. Eine offizielle Zuschreibung an Russland gibt es bislang nicht.

Ein Angriff, der Moldaus digitale Verwaltung erschüttert


Die staatliche E-Government-Agentur (AGE) hat den Ablauf am 27. Oktober öffentlich dokumentiert. Zwischen dem 19. und dem 23. Oktober fragten die Angreifer demnach rund eine Million moldauische Identifikationsnummern (IDNP) ab; in etwa 750.000 Fällen gelangten Datensätze unautorisiert nach außen 1. Am 23. Oktober um 11.30 Uhr sei die Extraktion gestoppt worden 1.


Um den Zugriff zu unterbinden, schalteten die Behörden 82 digitale Verwaltungsdienste sowie mehr als 30 Informationssysteme und Administrationspanels vorübergehend ab 1. Weitere Versuche am 25. Oktober gegen 2.00 Uhr und am 27. Oktober gegen 7.00 Uhr seien erkannt und blockiert worden 1. Premier Vasile Tofan sagte in der Regierungssitzung vom 28. Oktober, am 23. Oktober sei die unautorisierte Extraktion beendet und die Prüfung von 82 Schlüsseldiensten angeordnet worden, 30 Dienste habe man vorsorglich getrennt 3.


Ein Detail der behördlichen Rekonstruktion erklärt, warum viele Bürger beunruhigt waren: Die ersten Angriffe richteten sich gegen einen elektronischen Dienst, der die Rechtsgrundlage der Datenverarbeitung fehlerhaft protokollierte. Deshalb erschienen in der Nutzungshistorie der staatlichen App EVO Einträge zur Ausstellung von Personenstandsurkunden oder Führerscheinen, die die Betroffenen nicht ausgelöst hatten 1.


Offene Schnittstellen, automatisierte Abfragen


Technisch nutzten die Angreifer nach dem vorläufigen Befund Schwachstellen in Diensten, die ohne Authentifizierung erreichbar waren, und verwendeten die dabei gewonnenen Daten für weitere Abfragen 1. Tofan sagte, die Extraktion sei automatisiert erfolgt und habe sich Fehler und Auslassungen im Quellcode zunutze gemacht, die zuvor unentdeckt geblieben seien. „Diese Systeme haben Millionen Codezeilen, und sie konnten mit Hilfe künstlicher Intelligenz ausgenutzt werden“, sagte er 3.


Der Premier ordnete den Vorfall in einen europäischen Trend ein und verwies auf den jüngsten Bericht der EU-Agentur ENISA vom 22. September 2026: Mehr als 8.200 Vorfälle wurden demnach im Berichtszeitraum analysiert, etwa 2.600 betrafen die öffentliche Verwaltung – den meistangegriffenen Sektor 1. Tofan nannte zudem einen Vorfall in Dänemark vom 6. Oktober, bei dem Daten zu rund 8,8 Millionen Konten offengelegt worden seien, sowie Angriffe in Frankreich und Südkorea. „Wir sind nicht allein auf diesen Angriffslinien“, sagte er 2.


Welche Daten abgezogen wurden


Nach Angaben der AGE umfassen die abgezogenen Datensätze Namen, Vornamen, Geburtsdatum und -ort, Angaben zu Familienmitgliedern ersten Grades, den Versichertenstatus, den Hausarzt, Sozialleistungen, Renten, Invaliditätsangaben, Führerscheindaten und Lichtbilder. Hinzu kommen Informationen zu Fahrzeugen und zu Unternehmen, die Betroffene besitzen oder leiten, sowie Finanzdaten einschließlich IBAN, Steuerschulden und Zahlungshistorie bei MPay 1. Die Behörde betont, dass nicht bei jeder betroffenen Person alle diese Kategorien exponiert wurden 1.


Kartendaten seien nicht betroffen, weil sie nicht auf Regierungsservern liegen, sondern bei Banken und Zahlungsdienstleistern; allein die Kenntnis einer IBAN erlaube keinen Kontozugriff 1. Unautorisierte Änderungen in staatlichen Registern hätten die Ermittlungen bislang nicht ergeben 1. Der Leiter des Nationalen Krisenmanagementzentrums, Serghei Diaconu, sagte, die Daten ließen sich nicht unmittelbar für Straftaten nutzen; das Risiko liege in Anrufen und Nachrichten von Betrügern, die sich mit echten Detailkenntnissen als Bank- oder Behördenmitarbeiter ausgeben 2. Die Behörden rufen Bürger dazu auf, keine Passwörter und Bestätigungscodes weiterzugeben und Angaben ausschließlich über offizielle Kanäle zu prüfen 1.


Kritik kam von Alexandru Tănase, ehemaliger Justizminister und Verfassungsrichter: Die Behörden hätten bislang nicht mitgeteilt, ob auch nur eine betroffene Person individuell informiert worden sei. „Eine Pressemitteilung kann die individuelle Information der Betroffenen nicht automatisch ersetzen“, schrieb er 4. Das moldauische Datenschutzrecht verpflichtet zur Benachrichtigung, wenn ein Datenvorfall ein hohes Risiko für die Rechte der Betroffenen darstellt 4.


Regierung vermutet ausländische Akteure


Tofan ging in seiner Bewertung über einen Kriminalfall hinaus: „Unser Land ist Ziel koordinierter und groß angelegter Cyberangriffe. Wir sprechen nicht nur über einen isolierten Vorfall. Wir haben Hinweise auf eine breitere Kampagne unter Beteiligung ausländischer staatlicher Akteure. Die zuständigen Dienste untersuchen auch deren Beteiligung am jüngsten Vorfall“, sagte er 2. Betroffen seien nicht nur Bürgerdaten, sondern die digitale Infrastruktur des Staates 2.


Eine offizielle Zuschreibung gibt es bislang nicht. Die Regierung hat den Angriff nicht förmlich Russland zugeordnet 4. Indes hatte der Inlandsnachrichtendienst SIS im Juni gewarnt, russische Dienste versuchten, auf illegalem Weg Datenbanken über moldauische Bürger zu erlangen 4. Der Sicherheitsanalyst Andrei Curăraru sagte HotNews.ro: „Die Hypothese, die wir in Betracht ziehen, ist die Russische Föderation.“ Zugleich verwies er auf die Grenzen solcher Zuschreibungen: Die abschließende Attribution von Cyberangriffen sei sehr schwierig, Hacker verständen es, sich zu verbergen, ihre Herkunft zu verschleiern und komplexe Systeme zu nutzen, die eine eindeutige Zuordnung verhinderten 4.


Als weitere Möglichkeit nannte Curăraru, die Angreifer könnten die Daten veröffentlichen, um die Behörden zu diskreditieren; wahrscheinlicher sei aber eine neue Welle von Telefon- und Onlinebetrug 4. Am Abend des 24. Oktober, als der Vorfall öffentlich wurde, meldete die moldauische Polizei zudem die Vereitelung eines Plans, staatliche Einrichtungen durch Brandanschläge zu destabilisieren. Belege für einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen legten die Behörden nicht vor 4.


Rücktritt, Krisenstab, Sicherheitsrat


Personelle Konsequenzen gab es umgehend: Nicoleta Colomeeț, Leiterin der E-Government-Agentur, verlässt ihren Posten; Artiom Cociu übernimmt die Amtsgeschäfte 6. Tofan sagte, man habe sich auf den Schritt verständigt; die Priorität müsse von der Verbreitung digitaler Angebote auf deren Sicherheit verschoben werden 6.


Zudem wurden die Zwei-Stufen-Authentifizierung und die EVOSign-Funktion in MPass vorübergehend deaktiviert, um zusätzliche Prüfungen zu ermöglichen 3. Tofan kündigte an, kurzfristig Schutzlösungen wie Cloudflare zu beschaffen, einen dauerhaften Audit und automatisierte Scans einzuführen und ein nationales Zentrum für Cybersicherheit als Funktion der Cyber-Sicherheitsbehörde ASC fertigzustellen; für den Einsatz von KI wolle man über ausländische Partner Zugang zu unzensierten Modellen erhalten 2. Die AGE bestätigte, dass auch privatwirtschaftliche Expertise einbezogen ist – das Unternehmen Orange Systems nach Tofans Worten ohne finanziellen Vorteil 3.


Staatspräsidentin Maia Sandu berief für die kommenden Tage eine Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats ein, um den Angriff und die Antwortmaßnahmen zu erörtern, wie die Präsidialverwaltung am Abend des 28. Oktober mitteilte 7. Die Zentrale Wahlkommission erklärte, die Wahlinformationssysteme und das Wählerregister seien nicht betroffen 5.


Lesen Sie auchDänemark: Hacker erbeuten Daten von 8,8 Millionen Menschen→


Was das für die Sicherheitslage bedeutet


Für die Republik Moldau mit ihren rund 2,4 Millionen Einwohnern ist der Vorfall eine Zäsur. Die digitalen Verwaltungsdienste waren über Jahre ein Prestigeprojekt der Regierung und ein Pfeiler der EU-Annäherung. Dass binnen fünf Tagen eine Million Identifikationsnummern abgefragt werden konnten, trifft diese Erzählung empfindlich.


Sicherheitsanalyst Curăraru verweist auf strukturelle Grenzen: „Die Fähigkeit, einem Cyberangriff standzuhalten, hängt allgemein von den Cyberkapazitäten eines Staates ab. Im Fall der Republik Moldau sind diese begrenzt.“ Während des Wahlkampfs habe man auf Hilfe aus Rumänien zurückgegriffen, um Systeme zu sichern; auch damals habe es multiple Angriffe gegeben 4. Er fordert eine interne Untersuchung zur Verantwortung und warnt vor symbolischen Rücktritten: „Ich glaube nicht an rituelle Rücktritte, bei denen eine Person geht, die eher Managerin als Ingenieurin ist, und man hält die Sache damit für erledigt“ 4.


Ob der Angriff einem Staat zuzurechnen ist, bleibt offen – und damit auch die Frage, ob Moldau auf eine gezielte Operation reagiert oder auf eine kriminelle Kampagne, die Schwachstellen automatisiert absucht. Parlamentarische Aufklärung ist angekündigt: Die oppositionelle Partidul Nostru (Unsere Partei) will nach Angaben des Portals MoldovaLive eine Untersuchungskommission einsetzen 8. Für Banken, Mikrokreditgeber und Onlinehändler dürfte entscheidend sein, was Curăraru am Beispiel Dänemarks beschrieb: zusätzliche Verifikationsschritte, sobald Kunden telefonisch Kontakt aufnehmen 4.

Ähnliche Artikel

Hackergruppe veröffentlicht angeblich Daten Tausender US-Sicherheitsmitarbeiter
Cyberangriffevor 4 Min.
Hackergruppe veröffentlicht angeblich Daten Tausender US-Sicherheitsmitarbeiter
Nicht ausgefallen, hochgedreht: Das Pentagon prüft einen Hackerangriff auf seine Basen
Cyberangriffevor 1 Std.
Nicht ausgefallen, hochgedreht: Das Pentagon prüft einen Hackerangriff auf seine Basen
Domain-Anbieter im Visier: 123 Reg meldet KI-gestützten Angriff
Cyberangriffevor 23 Std.
Domain-Anbieter im Visier: 123 Reg meldet KI-gestützten Angriff
Cyberangriff auf Belgiens Finanzverwaltung: Steuerportal kurz vor Fristende offline
Cyberangriffevor 23 Std.
Cyberangriff auf Belgiens Finanzverwaltung: Steuerportal kurz vor Fristende offline
AdFection: Spyware über Werbeanzeigen enttarnt
Cyberangriffe19.10.2026
AdFection: Spyware über Werbeanzeigen enttarnt