Die Stadtverwaltung Eichstätt ist Opfer eines Cyberangriffs geworden. Weil die Stadt vorsorglich sämtliche Server vom Netz nahm, sind weite Teile der Verwaltung seit Montag nicht erreichbar. Die Ermittler gehen von einem Ransomware-Angriff aus; nach Angaben der Stadt ist ein Großteil der Daten abgeflossen. Wer dahinter steckt, ist bislang unklar.
Ein Angriff am Wochenende, entdeckt am Montagmorgen
Der Angriff auf die Stadtverwaltung Eichstätt erfolgte nach bisherigen Erkenntnissen am Wochenende und fiel am Montagmorgen auf, als Mitarbeitende IT-Probleme meldeten [2]. Die EDV-Abteilung bemerkte den Zugriff von außen und nahm daraufhin vorsorglich die lokalen Server vom Netz [2]. Am Montagnachmittag bestätigte eine Sprecherin der Stadt den Vorfall; zuvor hatte das Rathaus offiziell wegen einer "technischen Störung" geschlossen [1] [3].
Die Folge der Abschaltung: Weite Teile der Verwaltung waren von einem Moment auf den anderen nicht mehr arbeitsfähig. "Wir haben derzeit noch nicht einmal die Informationen, die uns als Grundlage dienen könnten, um zu sagen, wie lange das dauert", sagte Stadtsprecherin Sophie Fries. "Wir bereiten uns auf alle Eventualitäten vor" [3]. Das Rathaus mit seinen Außenstellen blieb bis auf Weiteres geschlossen und war auch per E-Mail nicht erreichbar; bereits vereinbarte Termine entfielen [1].
Welche Dienste betroffen sind – und was weiterläuft
Betroffen ist die Kernverwaltung. Nach Angaben der Stadt waren sämtliche Dienste der Stadtverwaltung lahmgelegt, weil alle Server vorsorglich vom Netz genommen wurden [3]. Nicht betroffen sind dagegen die Stadtwerke Eichstätt [1] [5]. Auch die städtische Homepage blieb von der Attacke unberührt; über sie und die sozialen Medien informiert die Stadt laufend [1] [4].
Für dringende Anliegen richtete die Verwaltung eine zentrale Notfall-Hotline ein, die ab Dienstagmorgen zu den regulären Öffnungszeiten erreichbar war [1]. Zusätzlich standen im Eingangsbereich des Rathauses Mitarbeiter persönlich für Fragen zur Verfügung, auch für Anliegen des Standesamts [1].
Ab Mittwoch fuhr die Stadt einzelne Leistungen im Notbetrieb wieder hoch [5]. Das Standesamt kann wichtige und dringende Angelegenheiten beurkunden, geplante Hochzeiten finden statt. Im Ordnungsamt sind zahlreiche Behördengänge in eingeschränkter Variante wieder möglich; die Anträge stehen als beschreibbare PDF auf der städtischen Homepage bereit und müssen ausgedruckt persönlich abgegeben werden [5]. Parkausweise können derzeit nicht ausgestellt oder verlängert werden – die Stadt kündigte an, bis auf Weiteres keine Strafzettel für jüngst ausgelaufene Parkausweise auszustellen [5]. Notfallmäßig notwendige Ausweise können nach telefonischer Rücksprache bei der Verwaltungsgemeinschaft Eichstätt beantragt werden [5].
Weitgehend normal läuft der übrige Betrieb: Das Heilig-Geist-Spital, der städtische Bauhof, das Haus der Jugend und das Alte Stadttheater sind telefonisch erreichbar, die Bücherei ist nicht betroffen, Volkshochschule und Tourist-Information sind geöffnet [1] [5]. Die Sitzungen des Haushalts- und Finanzausschusses sowie des Bauausschusses finden statt [5].
Ermittler gehen von Ransomware aus
Die Ermittlungen führt die bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg angesiedelte Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB); das Landeskriminalamt war bereits am Montag mit Forensikern im Rathaus im Einsatz [1] [2]. Nach Einschätzung der Ermittler handelt es sich um einen Ransomware-Angriff [3] [6]. Bei dieser Angriffsform wird Schadsoftware eingesetzt, die Computersysteme blockiert und Daten verschlüsselt; für die Freigabe fordern die Täter ein Lösegeld [2]. Nach Angaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) drohen die Angreifer ihren Opfern zudem zunehmend damit, zuvor entwendete Daten zu veröffentlichen [3] [6].
Eine Lösegeldforderung lag der Stadtverwaltung bislang allerdings nicht vor [2]. Wer hinter dem Angriff steckt, ist unklar. "Nach aktuellen Erkenntnissen wurde versucht, in das System einzugreifen", sagte eine Sprecherin der ZCB [3]. Eine belastbare Bewertung sei gegenwärtig nicht möglich; die Verfolgung von Ransomware-Fällen sei aufwendig, weil eine Vielzahl digitaler Spuren ausgewertet werden müsse, die fast immer auch ins Ausland führten [2] [6].
Datenabfluss: "Ein Großteil der Daten" kopiert
Am Dienstagabend teilte die Stadt auf ihrer Homepage mit, es sei wohl "ein Großteil der Daten der Stadtverwaltung" abgeflossen [2]. Welche Daten genau betroffen sind, ist nach Angaben der Ermittler noch offen [2] [3]. Die Datensicherung der Stadtverwaltung habe jedoch funktioniert: Nach aktuellem Informationsstand könnten die Daten wiederhergestellt werden [2].
Die Stadt warnt die Bevölkerung vor möglichen Betrugsmaschen. Vermeintliche Mitteilungen oder Aufforderungen der Stadt sollten kritisch geprüft werden. "Vor allem aktuelle Rechnungen aus dem Rathaus sollten gründlich geprüft werden, bevor sie beglichen werden, um betrügerische Fälschungen zu vermeiden", heißt es auf der städtischen Website [1] [4].
Einordnung: Kommunen als weiches Ziel
Der Fall Eichstätt steht in einer Reihe von Angriffen auf öffentliche Einrichtungen. Die ZCB beschreibt die Täter als hochprofessionell und international: Sie suchten weltweit nach Sicherheitslücken und wählten ihre Opfer oft beliebig aus – nicht nur finanzstarke Unternehmen, sondern auch kleine Firmen, Arztpraxen und öffentliche Einrichtungen wie Krankenhäuser und Gemeinden [2]. Zuletzt sorgten Angriffe auf die Ludwig-Maximilians-Universität München, den Onlinehändler Asos, eine französische Supermarktkette und den Berliner Senat für Schlagzeilen [2].
Nur wenige Tage vor dem Vorfall in Eichstätt traf es das Landratsamt im oberpfalzischen Cham. Dort handelte es sich jedoch um einen Distributed-Denial-of-Service-Angriff (DDoS), bei dem nicht Daten ausgespäht, sondern die Systeme durch eine extrem hohe Zahl gleichzeitiger Anfragen überlastet werden sollten [3]. Die Anfragen stammten aus rund 50 Ländern, darunter Brasilien, Indien, Mexiko und Bangladesch; die interne IT-Abteilung konnte den Angriff mit einer Fachfirma und dem Internetprovider bis zum Mittag abwehren [3]. Erkenntnisse über einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen in Eichstätt und Cham gibt es nach Angaben der ZCB nicht [3].
Ausblick
Wie lange die Eichstätter Verwaltung im Notbetrieb bleibt, ist offen. Die Stadt stellt sich auf einen längeren IT-Ausfall ein und will am Mittwoch wieder eingeschränkt erreichbar sein [2] [7]. Ob und wann der Regelbetrieb zurückkehrt, hängt von den forensischen Auswertungen ab. Für die Bürgerinnen und Bürger bedeutet das vorerst: Behördengänge nur nach Rücksprache, Vorsicht bei angeblichen Rechnungen aus dem Rathaus – und Geduld.
