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#derimeter: Secunet: Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur füllen das Auftragsbuch

#derimeter: Secunet: Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur füllen das Auftragsbuch

Der Essener Cybersecurity-Konzern secunet meldet für das erste Halbjahr 2026 einen Auftragseingang von 287,4 Millionen Euro – ein Plus von 78,7 Prozent.

Die Auftragsbücher des Essener Cybersecurity-Konzerns secunet füllen sich so schnell wie nie. Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Auftragseingang um 78,7 Prozent auf 287,4 Millionen Euro, der Auftragsbestand erreichte Ende Juni mit 360,8 Millionen Euro einen Rekordwert. Treiber ist die wachsende Bedrohung kritischer Infrastruktur – und ein Staat, der seine Ausgaben für Verteidigung und innere Sicherheit deutlich ausweitet. Auf die Profitabilität schlägt sich die Nachfrage bislang kaum durch.

Ein Auftragsbuch auf Rekordniveau


Der Essener Cybersecurity-Konzern secunet hat im ersten Halbjahr 2026 so viele Aufträge eingesammelt wie nie zuvor. Der Auftragseingang stieg um 78,7 Prozent auf 287,4 Millionen Euro, nach 160,8 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum [2]. Der Auftragsbestand erhöhte sich zum 30. Juni um 29,4 Prozent auf 360,8 Millionen Euro, nach 278,9 Millionen Euro zum Jahresende 2025 [2]. Die Book-to-Bill-Ratio – das Verhältnis von Auftragseingang zu Umsatz – kletterte von 0,9 auf 1,4 [2].


Beim Umsatz fällt das Wachstum moderater aus. Der Konzernumsatz legte um 19,2 Prozent auf 204,7 Millionen Euro zu, das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) stieg um 20,4 Prozent auf 8,7 Millionen Euro [2]. Das entspricht einer EBIT-Marge von 4,2 Prozent – eine Kennzahl, die bei secunet saisonal stark schwankt [1]. Das zweite Quartal allein lieferte mit 12,6 Millionen Euro EBIT mehr als das Doppelte des Vorjahreswerts und trug den Großteil des Halbjahresergebnisses [2].


„Ein Zuwachs von fast 80 Prozent beim Auftragseingang unterstreicht das große Vertrauen unserer Kunden und verleiht uns spürbaren Rückenwind", sagte CEO Marc-Julian Siewert [2].


Für das Gesamtjahr erwartet der Vorstand unverändert einen Umsatz zwischen 460 und 500 Millionen Euro – nun aber am oberen Ende der Spanne – sowie ein EBIT von 53 bis 58 Millionen Euro [2].


Behörden, Bundeswehr, Heimatschutz: Wo das Wachstum herkommt


Getragen wird die Entwicklung fast vollständig vom öffentlichen Sektor. Das Segment Public Sector wuchs im ersten Halbjahr um 29,4 Prozent auf 192,7 Millionen Euro [2]. Damit entfielen 94 Prozent des Konzernumsatzes auf den öffentlichen Dienst; 89 Prozent des Umsatzes erzielt secunet in Deutschland [1].


Innerhalb des Segments zeigen sich unterschiedliche Dynamiken. Die Division Defence & Space, die unter anderem die Bundeswehr beliefert, wuchs im mittleren zweistelligen Prozentbereich. Die Division Homeland Security – zuständig für Polizei, Grenzkontrollen und Sicherheitsbehörden – verdoppelte ihren Umsatz nahezu. Das Geschäft mit Behörden und Ministerien in der Division Public Authorities legte ebenfalls deutlich zu, vor allem im zweiten Quartal [2].


Beim Auftragseingang stellt sich das Bild noch staatlicher dar: Die Division Public Authorities allein zeichnete für die Hälfte des gesamten Auftragseingangs verantwortlich [2].


Das Privatkundengeschäft entwickelt sich gegenläufig. Das Segment Business Sector, das Industrie- und Gesundheitskunden bedient, brach um 47,4 Prozent auf 12,0 Millionen Euro ein – vor allem wegen schwächerer Nachfrage aus dem Gesundheitssektor [2]. Der Bereich schreibt Verluste und soll mit stärkerem Fokus auf wiederkehrende Umsätze neu ausgerichtet werden [1].


Warum die Nachfrage steigt


Die Begründung für die volle Pipeline liefert weniger das Unternehmen selbst als die Sicherheitslage. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) registriert eine stark steigende Zahl von Schwachstellen: Die durchschnittlich pro Tag entdeckten Sicherheitslücken haben sich seit 2022 von 68 auf zuletzt 119 fast verdoppelt [1]. Mit dem Fortschritt der künstlichen Intelligenz wächst zugleich die Missbrauchsgefahr, weil Angreifer Schwachstellen schneller finden und ausnutzen können [1].


Hinzu kommt eine Serie physischer und digitaler Vorfälle. Nach dem versuchten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle, Sabotageversuchen an Stromanlagen und Brandsätzen beim Rüstungselektroniker Rohde & Schwarz sprach die Bundesregierung von einer „neuen Gefahrenqualität"; das Bundesinnenministerium hatte die Bedrohungslage zuvor von „abstrakt" auf „hoch" angehoben [4].


Der schwerste Vorfall war der Cyberangriff auf die Berliner Verwaltung. Angreifer verschafften sich im August Zugang zu Teilen des Landesnetzes und kopierten Daten aus zwei Senatsverwaltungen; nachdem Berlin nicht auf die Erpressung einging, wurden die gestohlenen Daten Anfang September im Darknet veröffentlicht [3]. Darunter befanden sich Informationen über besonders schützenswerte Einrichtungen wie Heizkraftwerke, Tanklager, Notstromanlagen und Umspannwerke [1].


Politischer Rückenwind und das Geschäft mit der Souveränität


Secunet profitiert von einer Entwicklung, die unabhängig von einzelnen Vorfällen wirkt: dem Ausbau der staatlichen Sicherheitsausgaben. Seit 2025 sind zusätzliche Verteidigungs- und bestimmte Sicherheitsausgaben von der Schuldenbremse ausgenommen. Die Verteidigungsausgaben im Kernhaushalt sollen von 82,7 Milliarden Euro im Jahr 2026 auf knapp 184 Milliarden Euro bis 2030 steigen; hinzu kommen höhere Mittel für innere Sicherheit und Verwaltungsdigitalisierung [1].


Das Unternehmen sitzt an einer Schnittstelle dieser Ausgaben: Es liefert Hochsicherheitslösungen an Ministerien, Behörden und die Bundeswehr [1]. Zu den Kunden zählen nach eigenen Angaben die Bundesministerien und mehr als 20 DAX-Konzerne [2].


Das Produktportfolio geht auf einen BSI-Auftrag aus dem Jahr 1999 zurück: die Sichere Inter-Netzwerk-Architektur, kurz SINA. Mehrere Komponenten der Produktfamilie sind vom BSI für Verschlusssachen bis zur Sicherheitsstufe „geheim" zugelassen [1]. Der ökonomische Reiz liegt weniger in wiederkehrenden Software-Abonnements als in hohen Eintrittsbarrieren: Aufwendige Zulassungsverfahren erschweren Wettbewerbern den Markteintritt, secunets Vorteil liegt in der Breite des SINA-Ökosystems und der Verzahnung mit bestehender Behörden-IT [1].


Ein zweiter Treiber ist die wachsende Bedeutung digitaler Souveränität als Beschaffungskriterium. Die EU-Kommission bewertet Cloud-Anbieter inzwischen nach Souveränitätskriterien und will mit dem im Juni vorgeschlagenen Cloud and AI Development Act einen einheitlichen EU-weiten Bewertungsrahmen für Cloud- und KI-Dienste schaffen [1]. Im Juni 2026 gründete secunet zudem mit der Deutsche Cyber-Sicherheitsorganisation (DCSO) und dem Datenpipeline-Spezialisten Tenzir ein Konsortium. Das gemeinsame Angebot auf Basis von secunet edge richtet sich an Behörden, Produktionsstandorte, Streitkräfte und Betreiber kritischer Infrastrukturen und soll Frühwarnung, Detektion und Abwehr in dezentralen Infrastrukturen ermöglichen – vollständig „Made in Germany" [5]. Perspektivisch soll der Ansatz den digitalen Schutzschirm „Cyberdome" unterstützen, den das BSI für Deutschland aufbaut [5].


Die Marge hinkt hinterher


Trotz der vollen Pipeline bleibt die Profitabilität der schwache Punkt. Langfristig ist die EBIT-Marge sogar gesunken: Seit 2018 stieg der Umsatz von 163 auf 459 Millionen Euro, im Durchschnitt um rund 16 Prozent pro Jahr, während die Marge von 16,5 auf 11,3 Prozent fiel [1]. Der zwischenzeitliche Anstieg auf fast 19 Prozent in den Jahren 2020 und 2021 war durch die pandemiebedingte Nachfrage nach sicheren mobilen Arbeitsplätzen begünstigt [1]. Belastet wird die Rendite heute durch den normalisierten Produktmix, Investitionen in weiteres Wachstum und die Verluste im Privatkundengeschäft [1]. Um die erwartete Nachfrage bedienen zu können, hat secunet die Vorräte mehr als verdoppelt, was den Cashflow kurzfristig belastete [1].


Die Kapitalrendite bleibt dennoch vergleichsweise hoch: Die Rendite auf das eingesetzte Kapital (Roce) erreichte 2025 rund 18 Prozent, nach 15 Prozent im Vorjahr und rund 30 Prozent im Ausnahmejahr 2021. Ursache ist der geringe Kapitalbedarf – secunet produziert den Großteil der Hardware nicht selbst, sondern bezieht sie von Partnern. Die Nettofinanzverschuldung ohne Leasing betrug zuletzt nur rund 5 Millionen Euro [1].


Analysten erwarten im Durchschnitt bis 2028 rund 10 Prozent Umsatzwachstum pro Jahr und einen Anstieg des Gewinns je Aktie um knapp 19 Prozent jährlich; für 2027 wird eine EBIT-Marge von 12,9 Prozent prognostiziert [1]. Eine Rückkehr zu den knapp 19 Prozent der Ausnahmejahre 2020 und 2021 gilt auf absehbare Zeit als unrealistisch [1].


Ausblick


Die Visibilität des Geschäfts ist für ein Unternehmen dieser Größe ungewöhnlich hoch: Der Auftragsbestand von 360,8 Millionen Euro entspricht fast dem Umsatz eines ganzen Jahres, die Book-to-Bill-Ratio liegt deutlich über eins, und die staatlichen Budgets sind mehrjährig angelegt [1] [2]. Ob sich die Nachfrage auch in Ergebnissen niederschlägt, hängt davon ab, wie schnell secunet die Pipeline abarbeitet und ob der Privatkundenbereich saniert wird. Konkrete Umsatz- oder Ergebnisziele für das Business-Segment nennt das Management bislang nicht [1].


An der Börse ist ein Teil der Erwartung bereits eingepreist. Die Aktie notierte am Dienstag bei 214,50 Euro und damit leicht im Minus, nachdem sie am Montag um mehr als 7 Prozent zugelegt und den höchsten Stand seit Februar erreicht hatte [3] [6]. Auslöser war der Berliner Hackerangriff – ein Beleg dafür, wie eng die Geschäftsentwicklung von secunet inzwischen an die Sicherheitslage des Landes gekoppelt ist.