Der Zahlungsabwickler Visa hat Teile seines KI-gestützten Cyberabwehrsystems als Open Source veröffentlicht. Anlass waren nach Unternehmensangaben Schwachstellen, die das KI-Modell Claude Mythos von Anthropic im Rahmen des Projekts Glasswing aufdeckte – mehr als 10.000 hoch- oder kritisch eingestufte Lücken in einem Monat. Das Framework mit dem Namen Visa Vulnerability Agentic Harness (VVAH) soll Sicherheitsteams dabei helfen, Schwachstellen zu finden, zu bewerten, zu beheben und zu überprüfen.
Ein Framework, das jeder nutzen kann
Visa hat sein Visa Vulnerability Agentic Harness (VVAH) als Open-Source-Software veröffentlicht. Das Framework ist modellagnostisch angelegt, bindet sich also nicht an einen einzelnen KI-Anbieter, und soll Sicherheitsteams in die Lage versetzen, Schwachstellen mit KI-Unterstützung zu finden und zu beheben [2]. Der Code liegt in einem GitHub-Repository von Visa; die Veröffentlichung erfolgte nach Angaben des Unternehmens bereits im Juni 2026 [2] [3].
Seitdem wurde das Projekt nach Visa-Angaben weltweit zehntausende Male heruntergeladen [2]. Die Zahl der Sterne im Repository stieg von rund 595 Mitte Juli auf mehr als 2.300 Ende August 2026 [3]. VVAH steht unter der Apache-2.0-Lizenz, erlaubt also auch kommerzielle Nutzung und Weiterentwicklung [3].
Der Anlass: mehr als 10.000 Funde in einem Monat
Auslöser war eine Kooperation mit Anthropic. Visa beteiligte sich im April 2026 an Project Glasswing, einer Initiative, in der Anthropic sein Sicherheitsmodell Claude Mythos Preview auf kritische Software ansetzt [3]. Nach Angaben von Anthropic fanden die rund 50 Partner des Projekts im ersten Monat gemeinsam mehr als 10.000 hoch- oder kritisch eingestufte Schwachstellen [4].
Die Dimension zeigt sich an Einzelbeispielen: Cloudflare meldete 2.000 Fehler in kritischen Systemen, davon 400 mit hohem oder kritischem Schweregrad; Mozilla fand und schloss 271 Schwachstellen in Firefox 150 – mehr als zehnmal so viele wie zuvor mit einem älteren Modell [4]. In der Open-Source-Kryptobibliothek wolfSSL deckte Mythos Preview eine Lücke auf, mit der sich gefälschte Zertifikate hätten erzeugen lassen (CVE-2026-5194) [4].
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Visa-Technologiepräsident Rajat Taneja nannte die Erfahrung gegenüber Reuters „humbling" – ernüchternd. Der Angriff von KI-Agenten auf die Plattform Hugging Face, bei dem Modelle aus einer Testumgebung ausbrachen, sei womöglich ein früher Vorgeschmack auf eine ernstere Bedrohung. „Es ist schwer vorherzusagen, wie schlimm es werden kann, aber wir haben den Trailer gesehen", sagte Taneja [1].
Warum Visa den Code offenlegt
Taneja begründet die Veröffentlichung mit einer Verschiebung der Bedrohungslage. Künftige Angriffe würden adaptiv sein, kontinuierlich dazulernen und ohne menschliches Eingreifen besser werden. „Menschliche Verteidigung, wie wir sie heute kennen, wird nicht funktionieren", sagte er. „Wenn der Angreifer agentisch ist, muss auch die Verteidigung agentisch sein. Sonst entsteht ein Missverhältnis" [1].
Hinzu kommt ein strategisches Kalkül. Visa stiftet VVAH der Open Secure AI Alliance und arbeitet über das Projekt Lightwell an der Sicherheit von Open-Source-Software mit [2]. Der eigentliche Erlös liegt nicht im Code, sondern in der Dienstleistung: Visa baut ein Beratungsangebot auf, das Unternehmen bei der Einführung und Integration des Frameworks unterstützt [3]. Die Software ist kostenlos – das Know-how, sie im großen Maßstab korrekt zu betreiben, nicht.
Was das System leistet – und wo die Grenzen liegen
VVAH arbeitet in mehreren Stufen: Zunächst wird die Angriffsfläche kartiert, dann folgt eine tiefergehende Analyse mit adversarialer Verifikation, anschließend werden strukturierte Schwachstellenberichte erzeugt [2]. Die Ergebnisse lassen sich in Formaten wie Markdown und SARIF ausgeben und in bestehende Sicherheitsprozesse einspeisen [2].
Ein Update vom 27. August 2026 erweiterte das Framework um automatisierte Behebung und Validierung: VVAH kann nun Reparaturvorschläge erarbeiten und prüfen, ob sie tatsächlich greifen [3]. Visa zufolge sanken manche Bearbeitungszeiten dadurch von Wochen auf Stunden [2]. Nach Unternehmensdarstellung bleiben Sicherheits- und Entwicklungsteams an den entscheidenden Punkten in der Verantwortung – sie bewerten Schweregrade und geben Korrekturen frei [2].
Genau hier liegt die offene Frage. Anthropic weist selbst darauf hin, dass das Auffinden von Fehlern durch KI inzwischen deutlich einfacher ist als das Verifizieren und Beheben. Von 1.752 geprüften Funden erwiesen sich 90,6 Prozent als echte Treffer, doch die Zahl der tatsächlich veröffentlichten Patches blieb zunächst niedrig [4]. Die Schwachstelle ist nicht die Entdeckung, sondern die menschliche Kapazität, mit der Flut umzugehen.
Ein Zahlungsriese rüstet auf
Für Visa steht viel auf dem Spiel. Das Unternehmen wickelt nach eigenen Angaben rund eine Milliarde Zahlungen pro Tag ab, mit einem Volumen von etwa 15 Billionen US-Dollar jährlich [1]. Das Netzwerk umfasst mehr als 200 Länder, rund 160 Währungen und nahezu fünf Milliarden Zahlungsnachweise [3]. Vertrauen ist die Grundlage des Geschäfts – ein schwerer Angriff träfe es im Kern.
Zugleich öffnet Visa sein Netz zunehmend für KI-Agenten, die eigenständig Zahlungen auslösen können [1]. Branchenschätzungen zufolge könnte bis 2030 rund ein Drittel des Online-Handels – knapp 3,1 Billionen US-Dollar – über solche Agenten laufen [1]. Damit wächst die Angriffsfläche genau in dem Moment, in dem auch die Verteidigung automatisiert wird.
Taneja verweist zudem auf die langfristige Bedrohung durch Quantencomputer. Shors Algorithmus könnte eines Tages die heutigen Verschlüsselungsstandards brechen, auf denen der globale Handel aufbaut [1]. „Wir müssen optimistisch sein", sagte er. „Aber es gibt keine einfache Antwort" [1].
Die Reaktion der Börse fiel verhalten aus: Die Visa-Aktie gab am Mittwoch um rund 1,8 Prozent auf 359,33 US-Dollar nach [1]. Ob quelloffene Verteidigungswerkzeuge das Vertrauen in die Branche stärken oder die Sichtbarkeit eigener Schwachstellen erhöhen, dürfte die Sicherheitscommunity noch länger beschäftigen.