Die niederländischen Nachrichtendienste AIVD und MIVD warnen in einem neuen Cyberadvies vor einer deutlichen Zunahme chinesischer Cyberangriffe auf sogenannte Edge-Geräte. Künstliche Intelligenz hilft den Angreifern, Schwachstellen schneller zu finden und auszunutzen. Die Niederlande setzen auf Prävention – Peking weist die Vorwürfe als haltlos zurück.
Ein Cyberadvies als Weckruf
Am 7. Oktober 2026 veröffentlichten die beiden niederländischen Nachrichtendienste ein gemeinsames Cyberadvies. Die Militärische Inlichtingen- en Veiligheidsdienst (MIVD) und die Algemene Inlichtingen- en Veiligheidsdienst (AIVD) erwarten darin, dass die Zahl chinesischer Cyberangriffe über verwundbare Edge-Geräte in den kommenden Jahren deutlich zunehmen wird [1] [6]. Das Advies wurde gemeinsam mit dem Nationalen Cyber Security Centrum (NCSC) erstellt und richtet sich an Betreiber kritischer Netzwerke [1] [2].
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Für die Einordnung ist ein Punkt zentral: Es handelt sich nicht um die Meldung eines einzelnen, frisch entdeckten Angriffs. Die Dienste legen eine vorausschauende Lagebewertung vor, die sich auf eine seit Jahren beobachtete Angriffsserie stützt. Die MIVD hatte bereits in ihrem vorangegangenen Jahresbericht vor einer Zunahme chinesischer Hackerangriffe gewarnt [1].
Welche Systeme betroffen sind
Im Zentrum der Warnung stehen sogenannte Edge-Geräte – jene Komponenten, die ein Unternehmensnetz mit dem offenen Internet verbinden. Dazu zählen Firewalls, VPN-Gateways, Router und Portale [1]. Diese Geräte nehmen in der Netzarchitektur eine Sonderstellung ein: Sie sehen den gesamten ein- und ausgehenden Datenverkehr, authentifizieren entfernte Mitarbeiter und tragen häufig Zugangsdaten für die übrige Infrastruktur [5].
Genau diese Position macht sie für Angreifer attraktiv – und für Verteidiger schwer zu schützen. Auf Edge-Geräten lassen sich in der Regel keine EDR-Agenten betreiben, also jene Sicherheitsprogramme, mit denen Unternehmen Anomalien in Echtzeit erkennen. Die Betriebssysteme sind proprietär und abgespeckt, die Protokollierung ist begrenzt, und die wenigen Protokolle liegen oft lokal auf dem Gerät selbst. Wer das Gerät kontrolliert, kontrolliert damit auch die Spuren seiner eigenen Anwesenheit [5].
Wie konkret die Bedrohung ist, zeigt der Fall der Coathanger-Malware. Sie wurde 2023 in einem Forschungs- und Entwicklungsnetz des niederländischen Verteidigungsministeriums entdeckt und im Februar 2024 öffentlich gemacht [4]. Coathanger ist ein Remote-Access-Trojaner, der gezielt für Fortinet-FortiGate-Firewalls entwickelt wurde und über die Schwachstelle CVE-2022-42475 eindrang – eine Lücke mit einem CVSS-Wert von 9,3, für deren Ausnutzung keine gültigen Zugangsdaten nötig waren [4] [5].
Die Besonderheit: Coathanger überlebt Neustarts und sogar Firmware-Updates. Die Malware hängt sich in den Reboot-Prozess des Geräts und versteckt sich vor den Standard-Diagnosebefehlen. Ein Gerät, das vor dem Einspielen des Patches kompromittiert wurde, kann demnach auch nach mehrfachen Neustarts und Aktualisierungen infiziert bleiben. Die einzige verlässliche Bereinigung ist nach Angaben der Behörden eine vollständige Neuinstallation [4]. Nach Erkenntnissen des NCSC wurden im Rahmen dieser Kampagne weltweit mindestens 20.000 Geräte kompromittiert, davon mindestens 14.000 allein im Zeitfenster vor Veröffentlichung des Patches [5].
Wie KI die Angriffe beschleunigt
Der eigentliche neue Akzent des Advies liegt im Einsatz künstlicher Intelligenz. Nach Einschätzung der Dienste verfügen chinesische Hacker über tiefgehende Kenntnisse der westlichen Hard- und Software. Sie analysieren diese bis ins Detail und haben nach Angaben der Dienste in einigen Fällen sogar den geheimen Quellcode der Geräte in der Hand. Dadurch können sie Schwachstellen erforschen, ohne dass der Hersteller davon weiß. KI hilft ihnen dabei, gefundene Lücken schneller zu identifizieren und auszunutzen [1] [2].
Diese Entwicklung ist Teil eines breiteren Trends. Der Google Threat Intelligence Group zufolge wurden im Jahr 2025 mindestens zehn Schwachstellen chinesischen Spionagegruppen zugeschrieben – doppelt so viele wie 2024, mit einem Schwerpunkt auf Netzwerk- und Sicherheitsgeräten [5]. Im Juli 2026 dokumentierte die Palo-Alto-Forschungseinheit Unit 42 eine Kampagne, bei der ein chinesischer Akteur das KI-Modell DeepSeek innerhalb eines Agenten-Frameworks einsetzte, um Ziele zu scannen, Exploits auszuwählen und Angriffe mit minimaler menschlicher Steuerung zu starten. Die Kampagne richtete sich gegen mehr als 460 Ziele und exfiltrierte Daten aus mindestens drei Organisationen [5].
Der Effekt ist eine Kompression des Zeitfensters zwischen der Entdeckung einer Schwachstelle und ihrer Waffe. Was früher Tage bis Wochen dauerte, kann heute in Stunden ablaufen – und bei Lücken, die über eine Quellcode-Analyse vor jeder Patch-Veröffentlichung gefunden werden, existiert gar kein Patch-Fenster [5].
Die Belege für die Urheberschaft
Die niederländischen Dienste schreiben die Kampagne chinesischen staatlich unterstützten Akteuren mit „hoher Zuversicht“ zu [4]. Die Begründung stützt sich auf mehrere Stränge: die technische Analyse der Malware, die spezifische Zielauswahl und die wiederkehrende Arbeitsweise. Die Dienste bezeichnen die Ausnutzung von Edge-Geräten als „charakteristische Vorgehensweise“ chinesischer Spionagegruppen [1] [2].
Hinzu kommt die Kontinuität. Bereits 2024 hatte die MIVD den Angriff auf das Verteidigungsnetz öffentlich gemacht; Verteidigungsministerin Kajsa Ollongren sprach damals von einem wichtigen Schritt, um die internationale Widerstandsfähigkeit gegen Cyberspionage zu stärken [4]. Im August 2025 bestätigten die niederländischen Dienste zudem, dass die Gruppe Salt Typhoon – auch als Earth Estries bekannt – auf Router niederländischer Internetanbieter und Hosting-Dienstleister zugegriffen hatte [5]. Der MIVD-Jahresbericht vom April 2026 stellte schließlich fest, dass China im Bereich offensiver Cyberfähigkeiten „wahrscheinlich auf Augenhöhe“ mit den USA stehe [5].
Wie die Niederlande reagieren
Die Antwort der Niederlande ist bislang vor allem präventiv. Das Advies formuliert konkrete Empfehlungen: Sicherheitsupdates so schnell wie möglich einspielen, mehrere Verteidigungsschichten aufbauen, Zwei-Faktor-Authentifizierung nutzen und Protokolle zentral statt lokal speichern, damit ein Angreifer sie nicht löschen kann. Zudem raten die Dienste, Personal für die digitale Forensik zu schulen und regelmäßig zu üben [1] [5].
Die Dienste räumen ein, dass sich Angriffe auf das Netz nicht immer vollständig verhindern lassen, die Erfolgswahrscheinlichkeit aber „erheblich“ gesenkt werden kann [1]. In dem Advies heißt es zugleich nüchtern, dass nur ein begrenzter Teil der chinesischen Cyberoperationen gegen niederländische Interessen überhaupt entdeckt und abgewehrt werde [5]. Die Empfehlung läuft deshalb faktisch darauf hinaus, einen bereits erfolgten Zugriff anzunehmen und die eigene Architektur entsprechend zu planen.
Pekings Zurückweisung
China weist die Vorwürfe zurück. Die chinesische Botschaft in Den Haag erklärte, die Niederlande beschmutzten das Image Chinas. Die Informationen seien voller Unwahrheiten und haltloser Beschuldigungen. China sei selbst eines der wichtigsten Opfer von Cyberangriffen, und Cybersicherheit sei eine Herausforderung für alle Länder. Peking drängt auf internationale Zusammenarbeit auf Basis gegenseitigen Respekts [3].
Es ist ein Muster, das sich wiederholt: Jede öffentliche Zuschreibung chinesischer Cyberaktivitäten durch die Niederlande seit der Coathanger-Offenlegung im Februar 2024 wurde mit einer Zurückweisung beantwortet [5].
Einordnung
Die niederländische Warnung ist bemerkenswert, weil sie eine jahrelange Beobachtung erstmals in eine explizite Prognose übersetzt. Sie fällt in eine Phase, in der KI die Geschwindigkeit und den Umfang von Angriffen verändert – und in der die Verteidigung strukturell im Nachteil bleibt, weil Edge-Geräte kaum überwachbar sind.
Für Betreiber bedeutet das eine unbequeme Konsequenz: Wer sich auf die Entdeckung eines Angriffs verlässt, wartet möglicherweise auf ein Signal, das nie kommt. Die niederländischen Dienste empfehlen deshalb den umgekehrten Ansatz – nicht die Frage, ob ein Gerät kompromittiert ist, sondern die Annahme, dass es das sein könnte. Ob diese Botschaft in den Unternehmen ankommt, dürfte in den kommenden Monaten über die Wirksamkeit der Warnung entscheiden.
