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#derimeter: Ukraine meldet Cyberangriff auf Wildberries – Zahlungssysteme gestört

#derimeter: Ukraine meldet Cyberangriff auf Wildberries – Zahlungssysteme gestört

Digitale Angriffe auf kritische Infrastrukturen: Die ukrainische Militäraufklärung intensiviert ihren Cyber-Krieg gegen russische Logistik-Riesen (Symbolbild).

Die ukrainische Militäraufklärung (HUR) hat nach eigenen Angaben die digitalen Systeme des russischen Online-Händlers Wildberries angegriffen und damit Kundenservice, Contact Center und Zahlungsinfrastruktur gestört. Die Operation ergänzt eine seit Wochen laufende Serie von Drohnenangriffen auf die Logistikzentren des Konzerns – unabhängig verifizieren lassen sich die Angaben bislang nicht.

Cyberangriff als Ergänzung zu Drohnenangriffen


Die ukrainische Hauptverwaltung für Aufklärung (HUR) erklärte am Samstag, ihre Cyberspezialisten hätten gemeinsam mit der Hackergruppe Cyber Corps die digitale Infrastruktur von Wildberries angegriffen [1]. Betroffen waren demnach der zentrale Fern-Kundenservice, die Contact Center sowie Teile der Zahlungsinfrastruktur. „Zahlreiche Beschwerden wurden gemeldet, darunter von Kunden, die keine Zahlungen durchführen konnten“, hieß es in der Stellungnahme, ohne weitere Details zu nennen [1]. Die Angaben konnten nicht unabhängig verifiziert werden [1].


Die Operation fand nach Angaben der HUR am 10. und 11. August statt [2]. Das Ausmaß der Störungen ließ sich auch vom Kyiv Independent nicht bestätigen – allerdings berichteten Wildberries-Verkäufer in den Tagen danach über Verzögerungen bei der Auszahlung ihrer Erlöse. Das Unternehmen führte die Verzögerungen auf nicht näher bezeichnete „technische Probleme“ zurück und verlängerte die Bearbeitungsfrist für künftige Zahlungen von fünf auf sieben Werktage, wie The Moscow Times unter Berufung auf das russische Medium Vyorstka berichtete [2].


Die HUR begründete den Angriff mit der Rolle des Konzerns in der russischen Logistik und bei der Finanzierung des Krieges gegen die Ukraine. „Die Cyberoperation verstärkte die Wirkung der kinetischen Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf Wildberries-Lagerhäuser und verursachte weitere erhebliche Verluste für ein Unternehmen, das die Wirtschaft des Aggressors und seinen verbrecherischen Krieg gegen die Ukraine befeuert“, zitierte The Record aus der Erklärung [1].


Ein Logistikgigant im Visier


Wildberries ist Russlands größter Online-Marktplatz und wird wegen seiner Größe und seines ausgedehnten Logistiknetzes häufig mit Amazon verglichen [1]. Nach Angaben des Kyiv Independent wickelt das Unternehmen mehr als 20 Millionen Bestellungen pro Tag über eine Plattform ab, die von über einer Million Händlern genutzt wird [2]. Die AP beziffert den Anteil an allen Online-Bestellungen in Russland auf etwa die Hälfte [3].


Seit Mitte Juli greift die Ukraine die Lagerhäuser des Konzerns gezielt an. Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums wurden sieben der zehn größten Logistikzentren außer Betrieb gesetzt [1]. Russische Medien schätzen, dass das Unternehmen durch die Angriffe mehr als 1,2 Millionen Quadratmeter Lagerfläche verloren hat [1]. Die AP berichtet von Schätzungen, wonach bis zu 20 Prozent der gesamten Lagerfläche zerstört sein könnten und die Verluste auf bis zu sechs Milliarden Dollar beziffert werden [3].


Die Angriffe treffen ein Unternehmen, das tief in die russische Wirtschaftsstruktur eingebettet ist. Wildberries hatte sich nach Angaben der AP auf rund zwei Dutzend riesige Lagerhäuser als Kern seines Logistiknetzes verlassen, von denen aus Waren an etwa 100.000 Abholpunkte verteilt werden [3]. Die Depots, einige bis zu 300.000 Quadratmeter groß, galten als kaum geschützt [3].


Wirtschaftliche Folgen und Kriegsfinanzierung


Die ukrainische Führung begründet die Angriffe mit der militärischen Relevanz des Konzerns. Zwar bestreiten Wildberries und der Kreml, dass das Unternehmen die russische Armee beliefert [2]. Allerdings bietet der Marktplatz nach Berichten des Guardian auch militärische Ausrüstung an, darunter Drohnenkomponenten und Schutzwesten [1]. Das Kyiv Independent verweist zudem auf Dual-Use-Produkte wie Nachtsichtgeräte und Glasfaserkabel, die für Drohnen genutzt werden können [2].


Darüber hinaus zielen die Angriffe auf die wirtschaftliche Wirkung. Wildberries hat nach Angaben der AP umfangreiche Kredite von Banken wie VTB und Sberbank aufgenommen; die Schulden wurden Ende 2025 auf umgerechnet rund 15 Milliarden Dollar geschätzt [3]. Der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak erklärte, die Angriffe sollten militärische Lieferungen stören, Unmut in der Bevölkerung schüren und über den Druck auf die Banken einen Dominoeffekt in der russischen Wirtschaft auslösen [3].


Hunderttausende einzelne Verkäufer haben nach Angaben der AP ihre Ware verloren, was Schockwellen durch die russische Wirtschaft sendet [3]. Die Zentralbank hat die Banken aufgefordert, Kredite an kleine und mittlere Unternehmen umzustrukturieren, die ihre Bestände verloren haben [3].


Nicht verifizierbare Angaben und etabliertes Muster


Die Behauptungen der HUR lassen sich unabhängig nicht überprüfen – weder das Ausmaß der Störungen noch die tatsächliche Beteiligung der Gruppe Cyber Corps. Wildberries hat sich zu dem jüngsten Cyberangriff öffentlich nicht geäußert [1]. Auch die Angaben zu den Drohnenangriffen stammen überwiegend aus ukrainischen Quellen; die AP berichtet jedoch unabhängig über die Brände und deren Folgen [3].


Die Kombination aus Cyberoperation und kinetischen Angriffen folgt einem etablierten Muster: Die ukrainische Militäraufklärung führt Cyberangriffe häufig in Zusammenarbeit mit Hackergruppen durch, um große Drohnen- oder Raketenangriffe zu flankieren [1]. Im Juni 2025 meldete die HUR einen Hack der internen Systeme des russischen Flugzeugherstellers Tupolew, Tage nach überraschenden Drohnenangriffen auf russische Luftwaffenstützpunkte. Im September 2025 beanspruchte sie Angriffe auf russische Wahlsysteme und Regierungsdienste [1].


Einordnung: Der Krieg kommt in den Alltag


Die Angriffe auf Wildberries markieren eine strategische Verschiebung: Statt nur Ölraffinerien, Häfen und Rüstungsbetriebe zu treffen, zielt Kiew nun auf die Infrastruktur des zivilen Alltags. Der Russland-Experte Mark Galeotti, Leiter der Beratungsfirma Mayak Intelligence, wies gegenüber der AP darauf hin, dass die Depots keine militärischen Hochwertziele seien und deshalb kaum geschützt würden [3]. Die Angriffe brächten den Krieg zu den Bürgern – sei es ein kleiner Händler, dessen Inventar in einem Lagerhaus verbrannt ist, oder ein Verbraucher, der seine Bestellung nicht erhält [3].


Ob die Strategie aufgeht, ist umstritten. Einige Analysten warnen, die Angriffe könnten anti-ukrainische und anti-westliche Stimmungen in Russland verstärken. Der pro-kremlnahe Politikwissenschaftler Sergei Markow sagte der AP, die Angriffe stärkten die Position jener Falken, die eine Eskalation des Krieges fordern [3]. Der frühere russische Präsident Dmitri Medwedew versuchte, Empörung zu schüren: „Unser Feind kämpft nicht gegen die russische Führung oder die Armee, sondern gegen die einfachen Bürger“ [3].


Für die Ukraine ist Wildberries zugleich ein Symbol: Das Imperium der Unternehmerin Tatjana Kim, deren Vermögen vor den Angriffen auf rund 8,1 Milliarden Dollar geschätzt wurde, steht für den wirtschaftlichen Motor, der den Krieg mitfinanziert [3]. Ob die Kombination aus Drohnen und Cyberangriffen diesen Motor nachhaltig schwächt, lässt sich derzeit nicht belastbar beurteilen – die Angaben beider Seiten sind Teil der Kriegspropaganda, und unabhängige Daten fehlen.