Eine technische Störung in der Flugverarbeitung der britischen Flugsicherung NATS hat am Dienstag den Luftverkehr über der Insel weitgehend zum Erliegen gebracht. Mehr als 2.000 Flüge wurden gestrichen, Hunderttausende Passagiere waren betroffen. Ein Cyberangriff wurde als Ursache ausgeschlossen – die Regierung verlangt nun Aufklärung.
Der britische Luftverkehr steckt nach einer großflächigen Störung der Flugsicherung NATS in den Folgen des Chaos fest. Am Dienstagmittag fiel das Flugverarbeitungssystem des staatlich mitgetragenen Anbieters aus und legte Abflüge an den großen Flughäfen des Landes für Stunden lahm. Nach Angaben der Luftfahrt-Analysefirma Cirium wurden seitdem mehr als 2.000 Flüge von und nach Großbritannien gestrichen, darunter allein am Dienstag 1.750 von rund 5.800 geplanten Verbindungen [1] [4].
Was die Störung ausgelöst hat
Die Panne begann gegen 13 Uhr Ortszeit und betraf das Flugverarbeitungssystem von NATS, das die Flugpläne der Airlines verarbeitet. Betroffen waren zunächst Abflüge an den größten britischen Flughäfen wie Heathrow, Gatwick, Manchester und Stansted; im weiteren Verlauf griff die Störung auch auf ankommende Flüge im Süden Englands über [1]. Erst nach fast vier Stunden, gegen 16.40 Uhr, meldete NATS, das System sei repariert [1].
NATS-Chef Martin Rolfe sprach von einem technischen Problem am Standort Swanwick in Hampshire. Einen Cyberangriff schloss er ausdrücklich aus [3]. Auch Verkehrsministerin Heidi Alexander erklärte im Unterhaus, nach dem Stand der Dinge könne ein Cyberangriff „bei dieser Gelegenheit ausgeschlossen werden“ [4]. Zugleich betonte sie, sie halte den Vorfall nicht für „unvermeidbar“ [4].
Es ist bereits der dritte größere Ausfall der britischen Flugsicherung innerhalb von gut drei Jahren. Im August 2023 hatte ein Systemzusammenbruch rund 700.000 Passagiere getroffen und die Airlines nach Angaben von Branchenvertretern rund 135 Millionen Dollar gekostet; 2025 folgte eine kleinere Störung mit rund 150 Streichungen [1] [3]. NATS betonte, der aktuelle Fehler sei „nicht dasselbe Problem“ wie der Ausfall von 2023 [4].
Hunderttausende Passagiere betroffen
Die Auswirkungen waren massiv. Ryanair meldete, mehr als 65.000 Passagiere seien verspätet worden und 50 Flüge gestrichen worden [1]; nach Angaben der Deutschen Welle waren es bei der irischen Billigfluggesellschaft sogar 150.000 betroffene Passagiere und 200 gestrichene Flüge [3]. British Airways strich nach eigenen Angaben fast 550 Flüge und traf damit rund 85.000 Kunden; mehr als 60.000 Reisende habe man auf alternative Verbindungen umgebucht [4].
Viele Passagiere saßen stundenlang in Maschinen auf dem Rollfeld fest oder verbrachten die Nacht in Flughafenterminals. Die Folgen reichten über die Insel hinaus: Eurocontrol, die europäische Luftraum-Koordination, hielt ankommende Flüge an ausländischen Flughäfen zurück [1]. Auch der Transport lebenswichtiger Stammzellen für Transplantationen wurde nach Angaben der Wohltätigkeitsorganisation Anthony Nolan durch die Streichungen behindert [4].
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Reaktionen von Regierung und Airlines
Verkehrsministerin Alexander bestellte NATS-Chef Rolfe am Mittwoch zu einem Gespräch ein und verlangte eine vollständige Untersuchung. Die Downing Street setzte eine Frist von einer Woche für den Bericht [4]. Zusätzlich beauftragte Alexander die Luftfahrtbehörde CAA mit einer unabhängigen Überprüfung, die innerhalb von sechs Monaten vorliegen soll [4].
Die Airlines reagierten ungewöhnlich scharf. Ryanair-Chef Michael O'Leary forderte die Entlassung von Rolfe und nannte dessen Position „unhaltbar“; auch Wizz Air sprach von einem Anbieter, der „in seiner jetzigen Form nicht zweckmäßig“ sei [1] [4]. Rolfe, der NATS seit Mai 2015 führt und im vergangenen Geschäftsjahr 1,4 Millionen Pfund inklusive Bonus verdiente, übernahm die Verantwortung, stellte aber einen Rücktritt nicht in Aussicht [2] [4].
Wann der Betrieb wieder normal läuft
NATS erklärte am Mittwochnachmittag, der Betrieb sei wieder „stabil“, räumte aber ein, dass es sich um eine „sehr komplexe Wiederherstellung“ handele, von der sich das gesamte Luftverkehrsnetz erst erholen müsse [1] [4]. Die Flughäfen Heathrow, Gatwick, Manchester, Luton, Stansted, Bristol und Belfast City meldeten, dass die Flüge wieder aufgenommen worden seien – mit anhaltenden Nachwirkungen [2].
Experten rechnen damit, dass es mehrere Tage dauern wird, bis die Flugpläne wieder normal laufen, da Flugzeuge und Besatzungen nicht an ihren vorgesehenen Standorten sind [2]. Reisende wurden aufgefordert, sich vor der Fahrt zum Flughafen bei ihrer Airline zu erkundigen [2].
Auf Entschädigungen dürften die meisten Passagiere nicht hoffen: Da der Ausfall außerhalb des Einflussbereichs der Airlines lag, stuft die Regulierungsbehörde ihn als „außergewöhnliche Umstände“ ein, die keine Schadenskompensation vorsehen [2]. Dennoch dürfte der Vorfall die Debatte über die Widerstandsfähigkeit der britischen Luftfahrt-Infrastruktur erneut anheizen – und auch den Druck auf NATS-Chef Rolfe erhöhen [4].