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#derimeter: KI macht Cyberangriffe schneller, gezielter — und billiger

#derimeter: KI macht Cyberangriffe schneller, gezielter — und billiger

Deutsche Wirtschaft im Visier: Ein einziger Ransomware-Angriff kann heute ein Unternehmen in die Insolvenz treiben.

Deutsche Wirtschaft im Visier: Ein einziger Ransomware-Angriff kann heute ein Unternehmen in die Insolvenz treiben.
Deutsche Wirtschaft im Visier: Ein einziger Ransomware-Angriff kann heute ein Unternehmen in die Insolvenz treiben.

BSI-Präsidentin Claudia Plattner sprach auf einer Konferenz in Potsdam von einer „neuen Zeitrechnung der Cybersicherheit". Deutschland, ohnehin europäischer Hotspot für Ransomware, steht vor einer verschärften Bedrohungslage.


Die Chefinnen und Chefs der deutschen Sicherheitsbehörden haben sich selten so einig geklungen wie beim diesjährigen Treffen am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Tenor: Künstliche Intelligenz verändert die Cybersicherheit grundlegend — und nicht zugunsten der Verteidiger.


„Wir stehen mit KI am Anfang dessen, was da in den nächsten Jahren auf uns zukommen wird", sagte BSI-Präsidentin Claudia Plattner auf der Konferenz für nationale Cybersicherheit. Die nächsten Jahre würden „sehr holprig und unruhig", weil KI die Zahl und Qualität von Cyberangriffen erhöhe. Es sei, so Plattner, „ein Stück weit eine neue Zeitrechnung der Cybersicherheit" angebrochen.


Was KI für Angreifer verändert


Der Mechanismus ist bekannt, aber die Geschwindigkeit, mit der er sich entfaltet, ist neu: KI-Werkzeuge erlauben es Angreifern, Schwachstellen in IT-Systemen schneller und automatisierter aufzuspüren als bisher. Was früher Wochen dauerte — das Scannen eines Netzwerks, das Identifizieren verwundbarer Stellen, das Formulieren überzeugender Phishing-Nachrichten — lässt sich heute in Stunden erledigen.


Die Einstiegshürde für Cyberkriminalität sinkt. Die Angriffsfläche wächst.


Deutschland: Europas Ransomware-Hotspot


Für Cyberkriminelle ist Deutschland kein zufälliges Ziel. Christian Dörr, Cybersicherheitsexperte am Hasso-Plattner-Institut, bezeichnete Deutschland als europäischen „Hotspot" bei Ransomware-Angriffen.


Die Zahlen stützen diese Einschätzung: Laut Bundeskriminalamt (BKA) wurden im vergangenen Jahr bundesweit 1.041 Fälle von Ransomware und erpressungsbezogenem Datendiebstahl angezeigt — nach 950 Fällen im Jahr 2024. Ein Anstieg von knapp zehn Prozent innerhalb eines Jahres.


„Lösegeldforderungen der Kriminellen liegen im Schnitt bei Hunderttausenden von Euro. Dazu kommt die wochenlange Ausfallzeit bis wieder alles läuft. Das kann ein Unternehmen in den Konkurs zwingen", sagte Dörr. Sein Urteil zur strukturellen Ursache ist knapp: „Wir hängen seit vielen Jahren in weltweiten Vergleichen hinterher."


Mittelstand im Visier — und meist unvorbereitet


Was Behörden in Potsdam als gesamtgesellschaftliche Bedrohung beschreiben, trifft in der Praxis überproportional häufig kleine und mittlere Unternehmen. Sie verfügen selten über dedizierte Sicherheitsteams, aber über sensible Kundendaten, Produktionssysteme und Zahlungsverkehr — und sind damit für Ransomware-Gruppen attraktive Ziele mit kalkulierbarem Erpressungspotenzial.


Daniel Schönland, Gründer und CEO des europäischen Cybersicherheitsunternehmens Identiqa, beobachtet diese Entwicklung aus der täglichen Praxis: „KI demokratisiert den Cyberangriff — was früher staatlichen Akteuren vorbehalten war, ist heute für jeden mit einer Kreditkarte verfügbar. Gleichzeitig glauben noch immer zu viele Mittelständler, sie seien zu klein, um interessant zu sein. Das Gegenteil ist der Fall."


Identiqa setzt nach eigenen Angaben ebenfalls auf KI — allerdings auf der Gegenseite. Mit der KI-gestützten Erkennungsplattform Aura analysiert das Unternehmen Bedrohungsmuster in Echtzeit und richtet sich dabei gezielt an Unternehmen, die sich keinen eigenen CISO leisten können. „Wir glauben, dass professionelle Cyberabwehr kein Privileg von DAX-Konzernen sein darf", so Schönland. „Gerade im Mittelstand entscheidet ein einziger Angriff oft über Existenz oder Insolvenz."


Verfassungsschutz: Cyberangriffe als Seismograph geopolitischer Spannungen


Sinan Selen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, ordnete die Bedrohungslage geopolitisch ein: „Cyberangriffe sind jetzt schon der Seismograph für geopolitische Spannungen. Dieser Seismograph schlägt bei uns massiv aus."


Aktivitäten aus Russland haben die Lage aus Sicht der Behörden in den vergangenen Monaten weiter verschärft. Als Instrumente hybrider Bedrohung gelten Spionage, Cyberangriffe, Sabotageakte und Informationsmanipulation — Mittel, die zunehmend kombiniert eingesetzt werden.


Bund und Länder haben in der vergangenen Woche ein Gemeinsames Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen in Betrieb genommen, das die Koordination zwischen zivilen und sicherheitsbehördlichen Stellen verbessern soll.


Aktive Cyberabwehr: Das Gesetz kommt


Die Bundesregierung plant, über präventive Maßnahmen hinaus künftig eine „aktive Cyberabwehr" zu erlauben — also das offensive Eingreifen in feindliche Infrastruktur. Bislang fehle diese Möglichkeit, sagte BKA-Vize-Präsidentin Marina Link auf der Konferenz. Man müsse warten, „bis das Kind in den Brunnen gefallen ist".


Das soll sich mit dem Cyberabwehrgesetz ändern, das sich derzeit im parlamentarischen Verfahren befindet und nach Angaben von Link noch in diesem Jahr verabschiedet werden könnte.


Einordnung


Die Konferenz in Potsdam lieferte keine neuen Enthüllungen — aber eine bemerkenswert klare Sprache aus Behörden, die Risiken sonst eher behutsam kommunizieren. Dass BSI, BKA und Verfassungsschutz öffentlich von „unruhigen Zeiten" und einem geopolitischen Seismographen sprechen, der „massiv ausschlägt", ist ein Signal.


Für Unternehmen bedeutet das: Die Frage ist nicht mehr, ob ein Angriff kommt, sondern wann — und ob die eigene Infrastruktur darauf vorbereitet ist.