Cyberangriffe sind für den europäischen Mittelstand längst keine Randerscheinung mehr: 90 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) meldeten im vergangenen Jahr mindestens einen Sicherheitsvorfall. Eine aktuelle Kaspersky-Studie zeigt, dass die Angriffe nicht nur IT-Systeme treffen, sondern in vielen Fällen direkt in den Geschäftsbetrieb eingreifen – mit personellen Konsequenzen, Ausfällen und finanziellen Einbußen.
Für den europäischen Mittelstand ist die Frage nicht mehr, ob ein Cyberangriff kommt. Dass er kommt, ist gewiss - oftmals mit fatalen Folgen. Laut einer aktuellen Kaspersky-Befragung unter 1.800 Entscheidern waren im vergangenen Jahr 90 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in Europa von mindestens einem Sicherheitsvorfall betroffen [1]. Nur jedes zehnte KMU blieb verschont [2]. Die Zahlen untermauern, wovor Sicherheitsexperten seit Jahren warnen: Die Angreifer haben den Mittelstand als lohnendes Ziel entdeckt – mit Folgen, die weit über die IT-Abteilung hinausreichen.
Eine Bedrohungslage, die zur Regel geworden ist
Die Angriffsmethoden sind vielfältig und werden zunehmend professioneller. Als häufigste Ursachen für schwerwiegende Störungen nannten jeweils zehn Prozent der befragten Unternehmen klassische Malware sowie den Missbrauch legitimer Administrator-Werkzeuge, gefolgt von Phishing und Schwachstellen im Umfeld von KI-Anwendungen mit jeweils acht Prozent [1]. Die österreichische Fachzeitschrift itwelt.at ergänzt das Bild: 23 Prozent der Betriebe meldeten Phishing, 18 Prozent Angriffe über KI-bezogene Schwachstellen, jeweils 15 Prozent Angriffe über Softwareschwachstellen, Business-E-Mail-Compromise, Supply-Chain-Attacken und Deepfakes [2].
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Bemerkenswert ist, dass die Lücken selten in fehlender Technik liegen. Ein Viertel der Befragten nennt unzureichende Fachkenntnisse bei IT- und IT-Sicherheitsmitarbeitern als entscheidenden Risikofaktor, jeweils 22 Prozent verweisen auf unzureichende IT-Sicherheitsführung und zu geringes Engagement der Beschäftigten. Das Fehlen einer passenden Sicherheitslösung hingegen nennen nur 16 Prozent als Risiko [2]. Die größte Schwachstelle ist demnach der Mensch und die Sicherheitskultur im Unternehmen – nicht die Software.
Was die Angreifer wollen: Daten statt bloßer Sabotage
Die Cyberkriminellen zielen vorrangig auf sensible Informationen. In 28 Prozent der Fälle griffen sie personenbezogene Kundendaten ab, gefolgt von vertraulichen Details zur Geschäftsstrategie mit 26 Prozent sowie Finanz- und Rechtsdokumenten mit 25 Prozent [1]. Für Mittelständler ist das doppelt problematisch: Neben dem unmittelbaren Schaden drohen regulatorische Konsequenzen, etwa nach der EU-weiten NIS-2-Richtlinie, die seit 2024 schrittweise in nationales Recht umgesetzt wird und deutlich strengere Meldepflichten vorsieht.
Die Auswirkungen reichen weit über simple IT-Probleme hinaus. Bei 24 Prozent der betroffenen Betriebe führten die Vorfälle zu personellen Konsequenzen wie Entlassungen oder notwendigen Neueinstellungen. 20 Prozent verloren vorübergehend die Kontrolle über ihre IT-Infrastruktur, während 19 Prozent mit Dienstausfällen oder finanziellen Einbußen kämpften [1]. Die Hauptlast trugen die internen Fachteams: In 53 Prozent der schwerwiegendsten Fälle war die IT-Sicherheitsabteilung direkt betroffen, gefolgt von der regulären IT mit 47 Prozent und dem Finanzbereich mit 26 Prozent [1].
Wirtschaftliche Folgen: Schäden in Milliardenhöhe
Die finanziellen Auswirkungen sind inzwischen gut dokumentiert. Nach Angaben des Versicherers Chubb hat sich die Häufigkeit von Cybervorfällen zwar etwas stabilisiert, die Kosten pro Schadenfall stiegen jedoch zuletzt deutlich – besonders mittelständische Unternehmen geraten durch Lieferkettenrisiken und Ransomware unter Druck [3]. Für Deutschland beziffern Branchenberichte die Schäden durch Diebstahl, Sabotage und Industriespionage für 2025 auf knapp 290 Milliarden Euro, wovon ein Großteil auf Cyberattacken entfällt [4]. Zugleich meldet it-daily einen Anstieg der Cyberangriffe in Deutschland um 92 Prozent innerhalb eines Jahres, wobei der deutsche Mittelstand als lukrativstes Angriffsziel identifiziert wurde [5].
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Für Betriebe mit begrenzten Ressourcen kann bereits ein einzelner Vorfall existenzbedrohend sein. Ilya Markelov, Head of Unified Platform Product Line bei Kaspersky, bringt es auf den Punkt: „Cybervorfälle können kleine und mittlere Unternehmen weitaus härter treffen als die öffentlich gewordenen Datenlecks bekannter Konzerne; für Unternehmen mit begrenzten Ressourcen kann jeder Vorfall die Existenz bedrohen“ [1].
Schutzmaßnahmen: Investitionen in Personal und Technik
Die Unternehmen reagieren auf die Bedrohungslage mit entsprechenden Investitionen. 74 Prozent der europäischen KMU haben ihr Cybersicherheitsbudget in diesem Jahr bereits erhöht, 65 Prozent planen, ihre IT-Sicherheitsfunktionen weiter zu optimieren [2]. Die zusätzlichen Mittel fließen vor allem in den Ausbau personeller Kapazitäten: 36 Prozent investieren in die Erweiterung ihrer IT- und IT-Sicherheitsteams, 35 Prozent in die Absicherung von Remote- und hybriden Arbeitsumgebungen, 34 Prozent in Cloud- und Hybrid-Infrastrukturen sowie in neue Sicherheitsschulungen [2].
Auf technischer Ebene setzen die Betriebe auf bewährte Maßnahmen: 30 Prozent installierten neue Sicherheitssoftware auf den Endgeräten der Beschäftigten, ein Viertel schärfte die Passwortvorgaben nach, 24 Prozent etablierten regelmäßige Schwachstellen-Analysen [1]. Sören Kohls, Head of Channel DACH bei Kaspersky, mahnt jedoch, dass fortschrittliche Lösungen nicht an Budgets und Fachkräftemangel scheitern dürften: „Wachstumsstarke Unternehmen werden jedoch häufig durch begrenzte Budgets und den weltweiten Mangel an InfoSec-Fachkräften ausgebremst“ [2].
Sicherheit als Daueraufgabe statt Einzelprojekt
Die Zahlen der Kaspersky-Studie sind mit Zurückhaltung zu lesen – es handelt sich um eine Auftragsbefragung des Security-Anbieters selbst, die naturgemäß ein Interesse an der Darstellung einer hohen Bedrohungslage hat. Die Kernaussage wird jedoch durch unabhängige Berichte und die steigenden Schadenssummen gestützt [3] [4]. Dass 90 Prozent der europäischen KMU im vergangenen Jahr mindestens einen Vorfall erlitten, deckt sich mit der Beobachtung, dass der Mittelstand zunehmend zum Beifang und zum direkten Ziel von Cyberkriminellen wird.
Für Unternehmen bedeutet das, Cybersicherheit ist kein einmaliges Thema, sondern eine Daueraufgabe, die Technik, Prozesse und Personal gleichermaßen umfasst. Angesichts des Fachkräftemangels setzen viele Betriebe auf Managed Services von spezialisierten Anbietern wie Identiqa oder einen Interim-Berater für Cybersicherheit über CISO as a Service-Programme, sodass auch mit begrenzten Aufwand schnell wirksamer Schutz aufgebaut werden kann. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob der Mittelstand den Spagat zwischen Digitalisierung und Sicherheit meistert – oder ob die Angreifer weiterhin die Oberhand behalten.