Fast alle deutschen Unternehmen sind nach einer neuen Studie des Digitalverbands Bitkom und des Bundesamts für Verfassungsschutz von Datendiebstahl, Industriespionage oder Sabotage betroffen. Besonders beunruhigend: Jeder dritte Angriff lässt sich inzwischen ausländischen Geheimdiensten zuordnen – der Schaden für die Wirtschaft liegt bei mindestens 211 Milliarden Euro.
„Es gibt zwei Arten von Unternehmen: die, die gehackt worden sind, und die, die es noch nicht wissen.“ Mit diesem Satz fasste Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst die Sicherheitslage deutscher Firmen zusammen, als er am Mittwoch in Berlin gemeinsam mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) den neuen Wirtschaftsschutzbericht vorstellte [1]. Die Zahlen sind alarmierend: 96 Prozent der Unternehmen waren in den vergangenen zwölf Monaten von digitalen oder analogen Angriffen betroffen oder vermuten dies zumindest [1] [2].
Geheimdienste rücken in den Fokus
Der auffälligste Befund der Studie ist der wachsende Einfluss staatlicher Akteure. Mehr als jedes dritte betroffene Unternehmen (37 Prozent) konnte in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einen Angriff einem ausländischen Nachrichtendienst zuordnen [1] [2]. Im Vorjahr lag dieser Anteil noch bei 28 Prozent, 2023 sogar nur bei sieben Prozent [2] [3]. Bitkom-Präsident Wintergerst sprach angesichts dieser Entwicklung von einer „dramatischen Erhöhung“ [3].
Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen sieht darin eine Bestätigung der aktuellen Bedrohungslage. „Ausländische Nachrichtendienste haben ihre hybriden Aktivitäten intensiviert und sind zunehmend für die Angriffe auf die deutsche Wirtschaft verantwortlich“, sagte Selen [2]. Gerade die Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft, aber auch Energieunternehmen, Verkehrswege und andere kritische Infrastrukturen stünden im Fadenkreuz ausländischer Dienste [2] [3].
China, Russland – und nun auch der Iran
Die Spuren der Angriffe führen vor allem nach China und Russland. Mehr als die Hälfte der sicher betroffenen Unternehmen (52 Prozent) konnte mindestens einen Angriff nach China zurückverfolgen, dahinter folgt Russland mit 49 Prozent [1] [2]. Mit deutlichem Abstand folgen Osteuropa ohne die EU (34 Prozent), die USA (27 Prozent) und EU-Länder (26 Prozent) [2].
Als neuer Akteur ist der Iran in das Feld der Wirtschaftskriminalität vorgedrungen. Während im vergangenen Jahr vier Prozent der Angriffe dem Land zugeordnet werden konnten, sind es 2026 bereits rund neun Prozent [1] [2].
Die wichtigste Tätergruppe bleiben allerdings nicht die Geheimdienste, sondern die organisierte Kriminalität: 62 Prozent der betroffenen Unternehmen konnten mindestens einen Angriff dorthin zurückverfolgen – ein Rückgang um sechs Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr [2] [3]. Die Grenzen zwischen beiden Gruppen seien jedoch fließend, betonte Wintergerst: „Nachrichtendienste bedienen sich krimineller Strukturen, umgekehrt wird Kriminellen freie Hand gelassen, solange sie ihre Ziele den politischen Vorgaben entsprechend wählen“ [3].
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Schaden von mindestens 211 Milliarden Euro
Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm, lassen sich aber wegen des wachsenden Dunkelfelds immer schwerer exakt beziffern. Erstmals weist die Studie deshalb einen „Schadenskorridor“ aus: Er liegt bei 211 bis 270,8 Milliarden Euro [1] [2] [3]. Im Vorjahr hatte die Schadenssumme noch bei rund 289 Milliarden Euro gelegen [1].
In die Summe fließen direkte Kosten für Betriebsausfälle, Ermittlungen und Ersatzmaßnahmen, Rechtsstreitigkeiten und Erpressung ebenso ein wie Umsatzeinbußen durch Plagiate und den Verlust von Wettbewerbsvorteilen [2]. Der Großteil der Schäden – 76 Prozent – geht auf Cyberattacken zurück, die sich auf 160,4 bis 205,8 Milliarden Euro summieren [2].
Der Grund für die höhere Unsicherheit bei der Bezifferung: Nur noch 67 Prozent der Unternehmen können mit Sicherheit sagen, dass sie Opfer eines Angriffs geworden sind – im Vorjahr waren es noch 87 Prozent [1] [2]. Der Anteil derer, die einen Angriff vermuten, aber nicht sicher belegen können, stieg von zehn auf 29 Prozent [2] [3]. „Das Dunkelfeld bei Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage wird größer“, sagte Wintergerst [3].
KI als „Booster“ für Angreifer
Die Angriffe werden nach Einschätzung der Studienautoren zugleich professioneller und schwerer zu erkennen. Künstliche Intelligenz, Deepfakes, automatisierte Telefonanrufe und Phishing-Mails spielten den Angreifern in die Hände [1]. Verfassungsschutzpräsident Selen spricht von einem „KI-Booster“ für Bedrohungsangriffe auf Unternehmen [1].
82 Prozent der Firmen schätzen, dass KI-gestützte Methoden auf dem Vormarsch sind [2]. Während klassische Ransomware-Angriffe zurückgehen – ihr Anteil sank von 34 auf 25 Prozent –, nehmen Schäden durch automatisierte Anrufe (Robocalls) und täuschend echte Video- oder Audioaufnahmen (Deepfakes) zu [2] [3].
Forderungen: Vor die Welle kommen
Trotz der wachsenden Bedrohung stagnieren die Ausgaben für IT-Sicherheit. Der Anteil der IT-Sicherheit am gesamten IT-Budget liegt wie im Vorjahr im Schnitt bei 18 Prozent – das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) empfiehlt 20 Prozent [2]. „IT-Sicherheit betrifft jedes Unternehmen, ausreichende Investitionen sind unerlässlich. Unternehmen dürfen es nicht darauf ankommen lassen, dass ihnen nichts passieren wird“, mahnte Wintergerst [2]. Ein erfolgreicher Cyberangriff könne für Unternehmen nach wie vor das wirtschaftliche Aus bedeuten [1].
Positiv vermerkt die Studie, dass die Zusammenarbeit zwischen Behörden und Unternehmen besser geworden ist: In der Hälfte der Fälle werden Unternehmen inzwischen von Behörden auf erfolgte Angriffe hingewiesen [1]. Zuletzt hat das Gemeinsame Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen seine Arbeit aufgenommen [1].
Das reiche jedoch nicht aus, betonte Selen. „Wir müssen vor die Welle der Angriffe kommen“, forderte der Verfassungsschutzpräsident – und sieht die Verantwortung dafür auch bei den Unternehmen selbst, die ihre Sicherheitsvorkehrungen nachrüsten müssten [1]. Für die Studie wurden Führungskräfte und IT-Verantwortliche von mehr als 1.000 deutschen Unternehmen ab zehn Beschäftigten befragt [2] [3].