Seit Dienstagabend stehen in der Kreisverwaltung Oberspreewald-Lausitz alle Computer still. Auslöser war ein Hinweis des Brandenburger Innenministeriums auf eine mögliche Kompromittierung. Ob es tatsächlich ein Cyberangriff war, bestätigt die Behörde bislang nicht – das Landeskriminalamt ist dennoch eingeschaltet. Für Bürgerinnen und Bürger fallen vor allem Kfz-Zulassungen und Sprechtage aus.
Ein Hinweis aus Potsdam
Es war ein Satz in einer Behördenmitteilung, der am Dienstagabend den Betrieb einer ganzen Kreisverwaltung zum Erliegen brachte. Um 19.22 Uhr erhielt der Landkreis Oberspreewald-Lausitz nach eigenen Angaben einen Hinweis des Brandenburger Ministeriums des Innern und für Kommunales auf eine „mögliche Kompromittierung eines IT-Clients" 2. Die Verwaltung reagierte innerhalb kurzer Zeit: Sie fuhr die relevanten IT-Systeme herunter und sicherte sie 2. Nur die Telefonanlage blieb in Betrieb 1 2.
Am Mittwochmorgen um 6.30 Uhr nahm der Verwaltungsstab die Arbeit auf 2. Nach Informationen von brandenburg.media tagt er im Feuerwehr- und Katastrophenschutz-Technischen Zentrum in Großräschen 3. Die Kreisverwaltung mit Sitz in Senftenberg und einer Außenstelle in Calau ist seither nur eingeschränkt arbeitsfähig; betroffen sind nach Angaben der Behörde alle Standorte 1.
Bestätigt ist ein Sicherheitsvorfall – nicht ein Angriff
Die entscheidende Frage ist nach gut einem Tag noch offen. Kreissprecherin Sarah Werner bestätigte gegenüber brandenburg.media lediglich einen IT-Sicherheitsvorfall, dem man intern nachgehe 3. Landrat Alexander Erbert (CDU) erklärte auf rbb-Nachfrage, er könne einen tatsächlichen Cyberangriff derzeit weder bestätigen noch dementieren 1. Eine Anzeige sei bislang nicht erstattet worden, weil es noch keinen konkreten Hinweis auf eine Straftat gebe 1.
Intern wird offenbar deutlicher gesprochen. Aus Verwaltungskreisen ist laut brandenburg.media von einem Cyberangriff die Rede; eine interne Mitteilung, die dem Portal vorliegt, untersagt Beschäftigten ausdrücklich, ihre Rechner in Betrieb zu nehmen – nach Informationen des Portals auch im Homeoffice 3. Die Zentrale Ansprechstelle Cybercrime des Landeskriminalamts steht nach eigenen Angaben mit der Kreisverwaltung in Kontakt; der Sachverhalt werde nun durch das LKA bearbeitet 1. Ob daraus ein förmliches Ermittlungsverfahren wird, ist offen.
Bemerkenswert ist der Ursprung des Hinweises. Er sei „eher generell gehalten" gewesen, sagte Erbert, aber aus ihm sei „tatsächlich hervorgegangen, dass gezielt Oberspreewald-Lausitz benannt worden war als potenzielles Ziel" 1. Der Landkreis sei also nicht zufällig aufmerksam geworden, sondern von übergeordneter Stelle gewarnt worden. Dass das Innenministerium einen einzelnen Landkreis namentlich als mögliches Ziel benennt, deutet auf eine konkrete Bedrohungslage hin – über deren Grund die Behörden bislang nichts mitteilen.
Was konkret ausfällt
Am sichtbarsten trifft es die Kfz-Zulassung. Zulassungsvorgänge für Fahrzeuge aus Oberspreewald-Lausitz sind derzeit gar nicht möglich – weder bei persönlichen Vorsprachen noch über das Online-Verfahren i-Kfz 2. Auch die Ausweichlösung über die interkommunale Zusammenarbeit mit dem Landkreis Spree-Neiße und der Stadt Cottbus funktioniert nicht; Spree-Neiße hat das bestätigt 4. Anträge und Unterlagen können zwar weiterhin eingereicht werden, etwa über die bekannten Einwurfmöglichkeiten, bearbeitet werden sie aber vorerst nicht 2.
Hinzu kommt der Wegfall der persönlichen Erreichbarkeit: Der Sprechtag am Donnerstag, 22. Oktober, entfällt vollständig und an allen Verwaltungsstandorten 2. Eine Kontaktaufnahme per E-Mail ist nicht möglich, die Beschäftigten sind ausschließlich telefonisch erreichbar 1 2. Alle technischen Systeme bleiben mindestens bis zum Ende dieser Arbeitswoche abgeschaltet 2.
Welche Fachverfahren im Einzelnen betroffen sind, hat der Landkreis bislang nicht veröffentlicht. Die offizielle Meldung nennt nur die Kfz-Zulassung namentlich 2. Ob etwa Bauanträge, Sozialleistungen, Ausländerangelegenheiten oder das Wohngeld derzeit liegen bleiben, lässt sich daraus nicht ableiten – eine Lücke, die für betroffene Bürgerinnen und Unternehmen relevanter sein dürfte als die Frage nach der technischen Ursache.
Notbetrieb mit Telefon, Hotline und Papier
Die Verwaltung hat einen klassischen Notbetrieb aufgesetzt. Bürgeranfragen nimmt das Bürgerbüro unter der Telefonnummer 03573 870-0 entgegen, montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr, freitags von 8 bis 15 Uhr 2. Wer zuletzt elektronisch mit der Kreisverwaltung kommuniziert hat, muss nach aktuellem Kenntnisstand nichts unternehmen 2.
An der Wiederherstellung arbeiten die verwaltungseigene IT und externe Experten. Die interne IT werde voraussichtlich auch am Donnerstag, Freitag und Samstag intensiv mit der Überprüfung und Absicherung der Systeme beschäftigt sein, teilte der Landkreis mit 2. Eine schrittweise Wiederaufnahme des Betriebs wird für die kommende Woche angestrebt. „Voraussetzung ist, dass die betroffenen Systeme sicher wieder in Betrieb genommen werden können. Ein verbindlicher Zeitpunkt steht derzeit noch nicht fest", heißt es aus der Verwaltung 1 2.
Die bislang offene Frage: Sind Daten abgeflossen?
Dazu äußert sich die Behörde bislang nicht festgelegt. Ein Abfluss von Daten könne derzeit weder bestätigt noch dementiert werden, sagte Landrat Erbert dem rbb; der gesamte Vorfall befinde sich noch in der Prüfung 1. Das ist die heikelste Lücke des Vorgangs. Eine Kreisverwaltung verarbeitet Meldedaten, Sozial- und Ausländerdaten, Grundstücks- und Kfz-Informationen; ob und welche dieser Bestände kompromittiert wurden, ist unklar.
Klar ist die Rechtslage: Sollte sich ein Abfluss personenbezogener Daten bestätigen, wäre die Verwaltung nach der Datenschutz-Grundverordnung verpflichtet, die Aufsichtsbehörde zu informieren. In Brandenburg ist das die Landesbeauftragte für den Datenschutz. Eine solche Meldung ist bislang nicht öffentlich bekannt.
Vorgeschichte, Umfeld – und ein Zufall zur falschen Zeit
Der Vorfall fällt in eine angespannte Lage. Am selben Dienstagabend wurden zwei kritische Sicherheitslücken in der Programmiersprache PHP bekannt, die unter dem Namen „PHP2Shell" kursieren. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik warnt, dass alle bekannten PHP-Versionen betroffen sein könnten; Angreifer könnten darüber aus der Ferne Schadcode ausführen. Die EU-Cybersicherheitsbehörde CERT-EU rät, betroffene Seiten notfalls vom Netz zu nehmen 4.
Der Landkreis Dahme-Spreewald schaltete daraufhin vorsorglich Teile seiner Online-Angebote ab – die Internetseite, die Terminvergabe und Formulare. Einen Angriff oder Datenabfluss habe es dort nicht gegeben, betonte der Landkreis; die Abschaltung sei eine reine Vorsichtsmaßnahme bis zum Einspielen eines Updates 4. Ob der Vorfall in Oberspreewald-Lausitz mit den PHP-Lücken zusammenhängt, ist offen. Der Landkreis spricht von einem IT-Client, also einem Endgerät, während die Lücken vor allem Webserver betreffen 4.
Auch die Stadt Senftenberg reagierte: Das Rathaus nahm seine IT-Systeme aus Sicherheitsgründen vom Netz, Telefon und E-Mail waren zeitweise nicht erreichbar. Ein Zusammenhang mit dem Vorfall beim Landkreis ist nach Angaben der Lausitzer Rundschau offen 5.
Für den Landkreis ist es nicht der erste einschlägige Fall in der Region. Im September 2025 legte ein Ransomware-Angriff die Systeme der kommunalen Wohnungsgesellschaft in Senftenberg lahm; das Landeskriminalamt ermittelte damals wegen Erpressung und Computersabotage 6. Und die Reihe vergleichbarer Fälle reicht über Brandenburg hinaus: In Bayern traf es zuletzt die Stadt Eichstätt und das Landratsamt Cham 7.
Was in den nächsten Tagen zu klären ist
Drei Fragen entscheiden darüber, wie schwer dieser Vorfall am Ende wiegt. Erstens: Handelte es sich um einen gezielten Angriff, und wenn ja, mit welchem Ziel – Erpressung, Datendiebstahl oder Sabotage? Zweitens: Wurden Daten abgezogen, und falls ja, welche? Drittens: Wie lange bleibt die Verwaltung handlungsunfähig?
Die Antworten hängen an der Forensik, nicht an der Kommunikation. Der Landkreis hat angekündigt, fortlaufend auf seiner Internetseite zu informieren 2 – ein Kanal, der im Gegensatz zur internen IT offenbar noch funktioniert. Für die rund 20 Städte und Gemeinden des Landkreises ist das vorerst der einzige verlässliche Taktgeber. Wer in den kommenden Tagen ein Auto zulassen oder einen Bauantrag stellen will, muss sich auf Wartezeit einstellen. Und die Frage, ob die Verwaltung ihre Systeme ausreichend gehärtet hatte, wird nach der Wiederinbetriebnahme gestellt werden – nicht nur in Senftenberg.





