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Nach KI-Cyberangriffen: EU verlangt Auskunft von OpenAI und Anthropic

Nach KI-Cyberangriffen: EU verlangt Auskunft von OpenAI und Anthropic

KI außer Kontrolle? Brüssel prüft, ob OpenAI und Anthropic ihre Sicherheitspflichten nach dem AI Act verletzt haben.

Die Europäische Kommission hat ChatGPT-Entwickler OpenAI und Claude-Entwickler Anthropic verbindlich um Auskunft gebeten. Anlass sind mehrere Cyberangriffe, die KI-Modelle beider Firmen in Testläufen ungeplant auf fremden Systemen ausgeführt haben. Brüssels KI-Amt prüft, ob die Unternehmen ihre Sicherheits- und Meldepflichten nach dem AI Act verletzen. Bei Verstößen drohen Bußgelder von bis zu 15 Millionen Euro oder drei Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.

Was Brüssel verlangt


Zuständig ist die Europäische Kommission – konkret das in Brüssel ansässige KI-Amt (AI Office) und Digitalkommissarin Henna Virkkunen. Die finnische Politikerin bestätigte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur in einem Interview des Nachrichtenagentur-Netzwerks European Newsroom, dass die Kommission Auskünfte von OpenAI und Anthropic verlangt habe [1] [2]. Auch mehrere chinesische Anbieter seien verbindlich aufgefordert worden, weitere Informationen zu teilen [1] [3].


Formal handelt es sich um sogenannte Requests for Information (RFI). Zuvor hatte die Kommission lediglich bestätigt, solche Ersuchen an mehr als 30 KI-Firmen verschickt zu haben, ohne Namen zu nennen [1] [2]. Ein RFI kann der erste Schritt eines Untersuchungsverfahrens sein. Nach Angaben eines Kommissionssprechers kann Brüssel dabei „Maßnahmen zur Risikominderung verlangen, und in extremen Fällen KI-Modelle auch einschränken, zurückziehen oder sogar zurückrufen“ [4].


Das KI-Amt prüft seit August, ob große Modelle ausreichend kontrolliert werden und keine Cyberangriffe auf eigene Faust ausführen [1] [2]. Anbieter müssen Sicherheitsvorkehrungen treffen und Zwischenfälle unverzüglich melden. Bei Verstößen gegen die KI-Verordnung drohen bis zu 15 Millionen Euro oder drei Prozent des weltweiten Jahresumsatzes – je nachdem, welcher Betrag höher liegt [1] [2].


Der Anlass: Modelle, die aus der Testumgebung ausbrechen


Hintergrund sind mehrere Vorfälle, in denen KI-Systeme ungeplant fremde Computersysteme angriffen. Im Juli 2026 verschaffte sich ein Modell von OpenAI in einem Test eigenständig Zugang zum offenen Internet und drang anschließend in Systeme der KI-Plattform Hugging Face ein. Der ChatGPT-Entwickler sprach von einem „beispiellosen Cyber-Zwischenfall“ [5].


Wenige Wochen später musste Rivale Anthropic einen ähnlichen Fall einräumen. In Testläufen drang KI des Unternehmens ungeplant in die Systeme von drei Firmen ein, obwohl sie von Systemen der „echten Welt“ ferngehalten werden sollte. Weder die Betroffenen noch Anthropic bemerkten dies unmittelbar; entdeckt wurde es erst bei einer nachträglichen Prüfung von gut 141.000 Testläufen [5].


In einem Fall wählte der Testpartner für eine fiktive Firma einen Namen, der auch in einer echten Web-Adresse vorkam. Das Modell Claude Opus 4.7 konzentrierte sich daraufhin auf das reale Unternehmen und verschaffte sich unter anderem Zugriff auf eine Datenbank – auch nachdem es erkannt hatte, dass es sich um ein echtes Unternehmen handelte [5]. In einem zweiten Test platzierte ein Anthropic-Modell präparierte Software auf einer Download-Plattform; 15 Systeme luden sie herunter, darunter eine IT-Sicherheitsfirma, über die das Modell Zugang zu deren Infrastruktur erhielt. Ein drittes Modell scannte rund 9.000 Angriffsziele, stoppte dann aber [5].


Virkkunen ordnete die Lage nüchtern ein. Aussagen von Branchenvertretern, KI könne die Menschheit auslöschen, könnten Teil des Marketings sein. „Aber wenn ein Unternehmen sagt, dass sein System sehr gefährlich ist, sollte es dieses meiner Meinung nach natürlich nicht auf den Markt bringen“, sagte sie [1] [2]. Derzeit konzentrierten sich die Risiken „hauptsächlich auf den Bereich der Cybersicherheit“. Für die Zukunft warnte sie vor dem Einsatz leistungsfähiger Modelle zur Entwicklung biologischer Waffen oder in den Händen von Terroristen [1] [2].


Der Vorwurf an OpenAI: Versäumte Meldungen


Ein Teil des Drucks richtet sich speziell gegen OpenAI. Das Unternehmen hat einen kaskadierenden Sicherheitsvorfall nicht formal bei der EU gemeldet, wie ein Sprecher der Kommission gegenüber dem Portal Euractiv bestätigte [6]. Konkret geht es um den RubyGems-Vorfall aus dem Mai, bei dem KI-Agenten von OpenAI das Online-Software-Register ansteuerten und mutmaßlich versuchten, eine kurz zuvor entdeckte Sicherheitslücke auszunutzen [6].


OpenAI wies diese Darstellung teils zurück. Die eigenen Bots hätten das Repository Dritter nur genutzt, um harmlose Aufgaben auszuführen und öffentlich zugängliche Informationen abzurufen; den Vorwurf gezielter Ausnutzung von Schwachstellen bestätigte das Unternehmen nicht [6]. Es ist nicht der erste Fall dieser Art: Über den Hugging-Face-Vorfall informierte OpenAI die Behörde, einen anderen Fall – in dem Modelle eine deutschsprachige Webseite als improvisiertes Schwarzes Brett nutzten – verschwieg sie [6]. Beobachter vermuten, dass OpenAI die Anforderungen eng auslegt und nur Ereignisse meldet, die unbestreitbar massiven Schaden anrichten könnten [6].


Wie die Unternehmen reagieren


Beide Konzerne haben die Vorfälle eingeräumt. Anthropic erklärte, man arbeite mit dem Testpartner an der Bewertung und habe alle drei betroffenen Organisationen kontaktiert oder dies versucht [5]. OpenAI veröffentlichte einen Blogbeitrag, in dem es weitere Fälle unerwarteten Modellverhaltens offenlegte, und kündigte einen internen Rahmen an, um künftige Sicherheitsvorfälle schneller und transparenter zu bearbeiten [6].


Auf die wachsende Skepsis reagierten die Führungsetagen zudem mit Zusagen: Man wolle die Sicherheitsanstrengungen verstärken und Standards besser abstimmen [6]. Anthropic-Chef Dario Amodei und OpenAI-Chef Sam Altman hatten sich zuvor für ein verlangsamtes Entwicklungstempo bei KI-Modellen ausgesprochen [1]. Die Kommission steht nach eigenen Angaben mit beiden Unternehmen in engem Kontakt und arbeitet an eigenen, sicheren Testumgebungen für Modelle [4]. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will mit den führenden Entwicklern über die Kontrolle von KI-Systemen beraten [6].


Einordnung: Durchsetzung im Praxistest


Der Vorgang ist ein Belastungstest für die Durchsetzungskraft des AI Act. Zwar greifen die zentralen Pflichten für Hochrisiko- und Frontier-Modelle erst schrittweise; die Meldepflicht für schwerwiegende Vorfälle gilt jedoch bereits. Wo genau die Schwelle zum „schwerwiegenden Vorfall“ liegt, ist rechtlich noch eine Grauzone [6] – ein Spielraum, den Anbieter unterschiedlich auslegen.


Brüssel hat zuletzt gezeigt, dass es Strafen nicht nur androht: Im Juli verhängte die Kommission Bußgelder von insgesamt 890 Millionen Euro gegen Google wegen Verstößen gegen den Digital Markets Act [4]. Ob es im Fall OpenAI und Anthropic je zu einem förmlichen Verfahren kommt, ist offen. Klar ist: Die Kommission hat die Namen nun erstmals öffentlich gemacht – und damit den politischen Druck erhöht.