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#derimeter: Die Deutsche Bahn stand zwei Stunden still — wegen eines geplanten Updates

#derimeter: Die Deutsche Bahn stand zwei Stunden still — wegen eines geplanten Updates

Ein Update, ein Totalausfall: Deutschlands Schienennetz steht für zwei Stunden still.

Ein Update, ein Totalausfall: Deutschlands Schienennetz steht für zwei Stunden still.
Ein Update, ein Totalausfall: Deutschlands Schienennetz steht für zwei Stunden still.

Ein Routineeingriff im Funksystem legte am Dienstagabend den gesamten deutschen Zugverkehr lahm. Cyberangriff? Sabotage? Beides wurde geprüft. Die Wahrheit ist fast noch beunruhigender.


Am Dienstagabend, dem 23. Juni 2026, standen in Deutschland plötzlich alle Züge still. Kein Fernzug, kein Regionalexpress, keine S-Bahn. Tausende Reisende saßen an Bahnhöfen fest oder warteten in haltenden Zügen — ohne Informationen darüber, was passiert war oder wann es weitergehen würde.


Ursache war der Ausfall von GSM-R, dem digitalen Funksystem, über das Lokführer und Fahrdienstleiter kommunizieren. Ohne dieses System darf kein Zug fahren. Und GSM-R war um 22:30 Uhr bundesweit ausgefallen.


Erst gegen 0:30 Uhr rollten die ersten Züge wieder — stabilisiert über ein Notfallsystem, das die Bahn zwischenzeitlich aktiviert hatte.


Was die Bahn bisher sagt


DB InfraGo-Chef Philipp Nagl nannte am Folgetag als Auslöser den „planmäßigen Tausch einer technischen Komponente" beim GSM-R-System. Wie ein geplanter Eingriff zu einem bundesweiten Totalausfall führen konnte, werde „mit höchster Priorität" untersucht.


Bahnchefin Evelyn Palla sagte der Bild: „Wir konnten mit einem Notfallsystem die Lage stabilisieren. Die Ursache müssen wir jetzt klären."


Aus Sicherheitskreisen verlautete unterdessen, dass ein fehlerhaftes Software-Update als wahrscheinlichste Erklärung gilt. Dafür spricht auch die vergleichsweise kurze Störungsdauer: Bei früheren Sabotageakten oder Cyberangriffen auf Bahninfrastruktur dauerten Ausfälle deutlich länger.


Cyberangriff ausgeschlossen — aber als erstes geprüft


Sicherheitsbehörden gehen nach aktuellem Stand nicht von Sabotage oder einem Hackerangriff aus. Doch bemerkenswert ist, dass die Bahn selbst einen Cyberangriff zunächst nicht ausschließen konnte. Laut Reuters mussten IT-Spezialisten erst sicherstellen, dass kein Angriff vorlag, bevor das Redundanzsystem aktiviert werden durfte — was die Reaktionszeit verlängerte.


Dennis-Kenji Kipker, Professor für IT-Sicherheit an der Hochschule Bremen, erklärte gegenüber dem Tagesspiegel: „Ein einzelnes, veraltetes System wie GSM-R ist ein Single Point of Failure, dessen Ausfall — egal ob durch physische Sabotage, Cyberangriff oder IT-Fehler — bundesweite Folgen hat."


Das System dahinter ist aus den 90ern


GSM-R steht für Global System for Mobile Communications – Railway und basiert auf dem klassischen 2G-Mobilfunkstandard — Technologie aus den frühen 1990er-Jahren, längst vor LTE und 5G. Rund 3.000 bis 4.000 Basisstationen bilden das Netz; zwei zentrale Datenbankeinheiten in Berlin und im Ruhrgebiet verwalten die Zugfunkverbindungen aller Lokomotiven. Fällt eine dieser Einheiten aus oder wird ein Update fehlerhaft eingespielt, kann das gesamte Netz kollabieren.


Ein Nachfolgesystem — FRMCS, Future Railway Mobile Communication System — ist seit Jahren in Planung. Flächendeckend eingeführt werden soll es laut aktuellem Stand nicht vor den 2030er-Jahren. Eine Accenture-Studie aus dem Jahr 2025 zeigte: 95 Prozent von 800 befragten europäischen Bahnentscheidern halten den Wechsel für notwendig, 80 Prozent für dringend.


Es ist nicht das erste Mal


Oktober 2022: Unbekannte durchtrennen in Berlin-Karow und Herne Glasfaserkabel des GSM-R-Netzes. Norddeutschland steht drei Stunden still. Der damalige Verkehrsminister Volker Wissing spricht von einem Anschlag. Ermittlungen wegen Sabotage werden eingestellt — die offizielle Erklärung lautet: unabhängig agierende Kupferdiebe.


September 2024: Ein regionaler Stromausfall legt GSM-R in Teilen Mitteldeutschlands lahm. Diesmal funktioniert das Notfallsystem.


Juni 2026: Bundesweiter Totalausfall. Das Notfallsystem kommt — aber erst nach zweieinhalb Stunden.


Politischer Druck wächst


NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer nannte den Vorfall einen „neuen Tiefpunkt bei einer ohnehin schwachen Betriebsqualität" und forderte Notfallmechanismen, die einen solchen Stillstand künftig verhindern. SPD-Fraktionsvize Armand Zorn bezeichnete die Versorgungssicherheit des Schienennetzes als „Frage der nationalen Sicherheit."


Ob der Vorfall Meldepflichten nach der EU-Richtlinie NIS2 auslöst, die Betreiber kritischer Infrastruktur zu strukturierter Incident Response und Risikoanalyse verpflichtet, ist bislang nicht abschließend geklärt.