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#derimeter: FAZ depubliziert Gastbeitrag von Thüringens Ministerpräsident Voigt nach KI-Verdacht

#derimeter: FAZ depubliziert Gastbeitrag von Thüringens Ministerpräsident Voigt nach KI-Verdacht

Die FAZ depublizierte einen Gastbeitrag des Thüringer Ministerpräsidenten wegen KI-Verdachts

Die FAZ depublizierte einen Gastbeitrag des Thüringer Ministerpräsidenten wegen KI-Verdachts
Die FAZ depublizierte einen Gastbeitrag des Thüringer Ministerpräsidenten wegen KI-Verdachts

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat einen Gastbeitrag des thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU) von ihrer Website und aus ihrem Archiv entfernt. Grund ist der Verdacht, der Text könne vollständig mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt worden sein – und enthalte womöglich frei erfundene Zitate. Die Staatskanzlei in Erfurt hatte auf Nachfrage der Redaktion nur ausweichend geantwortet [1].


Der Beitrag, der im August 2025 unter der Überschrift "Smartphone 14, Social Media 16" in der Printausgabe und auf faz.net erschienen war, plädierte für strikte Altersgrenzen bei der Nutzung digitaler Geräte durch Kinder und Jugendliche. Auslöser der Depublizierung war eine Recherche des Portals FragDenStaat, das den Text mit dem KI-Erkennungsprogramm Pangram analysiert hatte. Das Tool ermittelte einen KI-Anteil von 100 Prozent [2].


Erfundene Zitate realer Wissenschaftler


Besonders brisant: In dem Gastbeitrag wurden drei renommierte Wissenschaftler – der Psychologe Jonathan Haidt, der Neurobiologe Gerald Hüther und der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer – mit wörtlichen Zitaten angeführt. Keines dieser Zitate ließ sich in Büchern, Aufsätzen oder Online-Beiträgen der Genannten verifizieren. Manfred Spitzer teilte FragDenStaat auf Nachfrage mit, er glaube nicht, den ihm zugeschriebenen Satz so wörtlich geschrieben zu haben [2]. Die Thüringer Staatskanzlei beantwortete die Frage nach der Herkunft der Zitate nicht.


Die FAZ konfrontierte die Staatskanzlei mit dem Verdacht und verwies auf ihre eigenen KI-Richtlinien: "Wir veröffentlichen heute und auch künftig keine Originalbeiträge mit von KI generiertem Text" – es sei denn, die KI-Nutzung sei selbst Thema und werde offengelegt. Bei Gastbeiträgen verlasse man sich darauf, "dass sie menschengemacht sind und indirekte und direkte Zitate stimmen" [1].


Die Antwort aus Erfurt blieb allgemein: Man nutze KI-Anwendungen "als unterstützendes Werkzeug", eine "generelle Kennzeichnungspflicht" bestehe nicht. Die FAZ erklärte daraufhin: "Diese Einlassung genügt uns als Antwort nicht" – und depublizierte den Beitrag [1].


Elf Reden, vier Gastbeiträge – systematischer KI-Einsatz


Die Recherche von FragDenStaat geht weit über den FAZ-Beitrag hinaus. Das Portal untersuchte insgesamt elf Reden und vier Gastbeiträge Voigts aus seiner laufenden Amtszeit mit dem Analysewerkzeug Pangram. Das Ergebnis: Bei neun von elf Reden lag der KI-Anteil weit über 50 Prozent, drei Reden – darunter die Neujahrsansprache – scheinen vollständig KI-generiert zu sein. Bei drei der vier Gastbeiträge ermittelte Pangram einen KI-Anteil von 100 Prozent [2].


Zum Vergleich: Eine Analyse von 41 Texten aktueller und ehemaliger Amtskollegen Voigts ergab eine um den Faktor zehn niedrigere KI-Wahrscheinlichkeit [2].


Holocaust-Gedenken aus der Maschine


Besonders schwer wiegt der Befund zu Voigts Rede beim Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus am 29. Januar 2025. Laut Pangram wurde diese Ansprache zu 100 Prozent von einer KI generiert. Auch das Programm GPTZero kam zu dem Ergebnis, der Text sei "mit hoher Sicherheit" durch Künstliche Intelligenz erstellt worden [2].


Die Rede enthält zahlreiche für KI-generierte Sprache typische Merkmale: wiederholte Verneinungen, generische und schwer greifbare Sprachbilder. "Auschwitz war nicht das Werk eines erfundenen Ungeheuers. Es war das Werk von Menschen, die dachten, dass ihr Handeln im Einklang mit einem höheren Ziel stehe", heißt es dort. Überlebende des KZ beschrieb Voigt mit den Worten: "Ihre Augen waren leer und zugleich unendlich tief" – Sätze, die sich wortgleich auch in einer späteren Rede zur Befreiung des KZ Buchenwald wiederfinden [2].


Auf die Frage, ob die Gedenkrede vollständig durch KI generiert wurde, antwortete Voigts Regierungssprecherin nicht [2].


Voigts Reaktion: "Ich reiße keinem den Kopf ab"


Der Ministerpräsident selbst zeigt sich demonstrativ unbeeindruckt. "Ich kann die Aufregung darüber nicht nachvollziehen", sagte er und ermutigte "alle, auch in der Thüringer Landesregierung", KI als Werkzeug zu nutzen [3]. Gegenüber dem Tagesspiegel erklärte er: "Wenn es wirklich einzelne Passagen gab, die auch mithilfe von KI erstellt worden sind, dann werde ich dafür keinem den Kopf abreißen" – eine Formulierung, die die Verantwortung zu seinen Mitarbeitern verschiebt [3].


Aus der Staatskanzlei verlautete, die Aufregung sei übertrieben. In ein, zwei Jahren werde niemand mehr eine solche Diskussion führen [3].


Dienstanweisung vorhanden – aber nicht befolgt


Dabei existiert durchaus eine Muster-Dienstanweisung des Thüringer Digitalministeriums, das vom BSW-Politiker Steffen Schütz geführt wird. Diese sieht für die Außenkommunikation der Landesverwaltung Transparenzpflichten vor: Wenn "generative KI unterstützend genutzt und das Ergebnis übernommen oder in relevanten Anteilen genutzt wird", muss darauf hingewiesen werden [3]. In keinem von Voigts Zeitungstexten oder Reden findet sich ein solcher Hinweis.


Der AI Act der EU, der im August 2026 in Kraft tritt, wird eine Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte vorschreiben – allerdings entfällt diese, wenn eine menschliche Überprüfung oder redaktionelle Kontrolle stattfindet [3].


Plagiatsaffäre im Hintergrund


Die KI-Vorwürfe treffen Voigt in einer ohnehin angespannten Lage. Der 49-jährige Politikwissenschaftler führt seit gut eineinhalb Jahren eine sogenannte Brombeer-Koalition aus CDU, BSW und SPD, die im Landtag keine eigene Mehrheit hat [4]. Im Januar 2026 entzog ihm die Technische Universität Chemnitz nach einer Plagiatsprüfung den Doktortitel – die Entscheidung des Fakultätsrats fiel einstimmig. Voigt hat Widerspruch eingelegt und will notfalls vor dem Verwaltungsgericht klagen [3].


In der Staatskanzlei räumt man intern ein, dass die KI-Affäre in Verbindung mit der Aberkennung des Doktorgrads ein Problem darstellt: "Schließlich verstärkt sich der Eindruck, dass Voigt es zumindest mit der Urheberschaft von Texten nicht so genau nimmt", schreibt die FAZ [3].


Einordnung: Neue Qualitätsfrage für die Politik


Der Fall Voigt wirft grundsätzliche Fragen auf, die über Thüringen hinausweisen. Darf ein Regierungschef eine Rede zum Holocaust-Gedenktag von einer KI schreiben lassen? Welche Verantwortung trägt ein Autor, der unter seinem Namen Texte veröffentlicht, deren Inhalt – einschließlich Zitate – er nicht selbst verifiziert hat?


Die oppositionelle Linke in Thüringen äußerte sich bislang milde: "Mit seinem Verhalten wird Mario Voigt zu einem Beispiel dafür, wie man KI nicht nutzt", sagte Landesvorsitzende Katja Maurer [3]. Die AfD, die nach eigenen Angaben selbst KI für parlamentarische Anfragen einsetzt, hält sich ebenfalls zurück.


Dass mit der FAZ eine der renommiertesten deutschsprachigen Zeitungen einen Gastbeitrag wegen KI-Verdachts depubliziert, setzt ein Signal. Es zeigt, dass Redaktionen gewillt sind, ihre Qualitätsstandards auch gegenüber politischen Amtsträgern durchzusetzen – und dass die Frage nach der Authentizität politischer Kommunikation im KI-Zeitalter an Dringlichkeit gewinnt.