In der zentralfinnischen Stadt Kuopio hat Finnland die größte Zivilschutzübung Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs durchgeführt. Mehr als 2.000 Menschen probten in einem in den Fels gehauenen Bunker den Umgang mit Cyberangriffen auf die kritische Infrastruktur und einer Raketendrohung aus dem Nachbarland Russland.
In einem in den Fels gehauenen Schutzraum, hinter Türen, die für den Fall eines nuklearen oder biologischen Angriffs ausgelegt sind, messen zwei finnische Wehrpflichtige in Schutzanzügen und Atemmasken die Strahlungswerte. Es ist Mittwoch, der 2. September 2026, und die Höhle unter der Sporthalle von Kuopio soll für Tausende Menschen zum sicheren Ort werden [1].
Die Übung „Shelter 2026“ gilt als die größte Zivilschutzübung Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Mehr als 2.000 Teilnehmer – darunter Freiwillige, Studenten, Wehrpflichtige und Behördenvertreter – probten, wie sich eine große Zahl von Menschen bei schweren Störungen und im Notfall schützen lässt [1] [2].
Der Bunker unter der Sporthalle
Schauplatz war die Anlage Luola im Stadtteil Savilahti, ein unterirdischer Sport- und Veranstaltungskomplex, der vor zwei Jahren fertiggestellt wurde. Im Normalbetrieb dient er als Sportzentrum, im Notfall wird er zum Zivilschutzbunker. Bei regulärem Betrieb fasst Luola rund 2.500 Menschen, im Notfall bietet er Platz für bis zu 7.000 [2].
Die Teilnehmer erhielten am Mittwoch gegen 11.30 Uhr die Anweisung, sich zum Schutzraum zu begeben. Sie hatten rund 30 Minuten Zeit, um Luola zu erreichen, danach wurden die Türen für etwa zwei Stunden geschlossen. Die Organisatoren teilten die Haupthalle in Sektionen mit jeweils rund 200 Menschen auf. Die Teilnehmer mussten sich eine begrenzte Zahl von Trockentoiletten teilen, und es gab nicht genug Betten, damit alle gleichzeitig schlafen konnten. Mehr als 100 Menschen blieben über Nacht unter der Erde, die Übung zog sich bis Donnerstagmorgen hin [2].
Das Szenario: Cyberangriffe und Raketendrohung
Im simulierten Szenario war die kritische Infrastruktur der Stadt Kuopio – darunter Strom- und Wasserversorgung – durch Cyberangriffe lahmgelegt worden. Zusätzlich bestand die Gefahr von Raketenangriffen aus dem Nachbarland Russland [1].
Ziel der Übung war es, dass lokale Behörden und normale Bürger durchspielen, was sie bei einem realen Angriff tun würden. Finnische Wehrpflichtige übten in Schutzanzügen das Messen der Strahlungswerte im Inneren des Bunkers [1] [2].
Warum Finnland so umfassend übt
Die Übung fällt in eine Zeit wachsender Bedrohungswahrnehmung. Westliche Behörden werfen Russland eine Sabotage- und Störungskampagne in ganz Europa vor, die von Brandstiftungen über Angriffe auf Wasseranlagen und Kraftwerke bis zu Drohnenflügen in den Luftraum der Europäischen Union reicht [1].
Finnlands Grenze zu Russland erstreckt sich über mehr als 1.300 Kilometer von der Ostsee bis zum Polarkreis. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 hat Finnland seine zivile und militärische Vorsorge massiv ausgebaut. Im April 2023 trat das Land der NATO bei – nach Schweden, das im März 2024 folgte. Bis dahin waren die Finnen darauf vorbereitet, sich gegen Russland weitgehend allein zu verteidigen [1] [2].
Der pensionierte Oberst Asko Muhonen, der die Übung in Kuopio organisierte, betonte, dass Finnlands Verteidigung nicht nur auf dem Militär beruhe, sondern auf der „Mentalität“ der Finnen, die bereit seien, Verantwortung für die Sicherheit ihres Landes zu übernehmen. Das hänge auch mit der Wehrpflicht zusammen, die in Finnland auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fortbestand [1].
Lehren aus der Ukraine
Finnland will aus den Erfahrungen der Ukraine lernen, sagte Muhonen. Während der größte Bunker in Kuopio 7.000 Menschen fasst, haben Ukrainer bei Raketenangriffen oft nur wenige Minuten, um zu einer U-Bahn-Station oder einem unterirdischen Parkhaus zu laufen. Das bedeute, dass Menschen einen Schutzraum brauchen, den sie leicht erreichen können und der einen gewissen Schutz bietet – nicht unbedingt einen, der einem Nuklearangriff standhält [1].
Der 20-jährige ukrainische Student Dmytro Untila, der in Kuopio studiert, war am 24. Februar 2022 zu Hause in Odessa, als russische Raketen seine Stadt trafen. Er suchte Schutz im Eingangsbereich seines Gebäudes, weil er keinen anderen Ort hatte. Ein solches Training hätte in der Ukraine sicher geholfen, sagte er, „weil niemand wusste, dass so etwas passieren kann“ [1].
Konkrete Hinweise auf Sabotage
Die Bedrohung ist für die Energieversorger in der Region keine abstrakte. Juha Räsänen, Vorstandschef des Stromunternehmens Savon Voima, sagte, die größte Gefahr für die Energieinfrastruktur in der Region Kuopio seien eigentlich starker Schneefall, Stürme und schlechtes Wetter. Seit der Invasion der Ukraine und der Entscheidung des Unternehmens, keinen russischen Biokraftstoff mehr zu kaufen, sei die Zahl der Cyberangriffe auf das Netz jedoch deutlich gestiegen [1].
Im vergangenen Jahr hätten Ingenieure zudem mindestens zehn Aufkleber an besonders verwundbaren Stellen der Energieinfrastruktur gefunden. Auch andere Energieunternehmen in Finnland hätten solche Aufkleber entdeckt, ohne zu wissen, woher sie stammen. „Wenn es an dieser Stelle eine Explosion gäbe, könnte sie einen ganzen Damm zerstören“, sagte Räsänen. Auch Drohnen seien über Stromleitungen gesichtet worden, ohne dass die Verantwortlichen identifiziert werden konnten [1].
Der finnische Sicherheits- und Geheimdienst erklärte, er habe „eine breite Palette von Beobachtungen“ untersucht und nichts Besorgniserregendes gefunden. Seit 2022 seien die Menschen wegen der Sicherheitslage wachsamer und meldeten daher Dinge wie reflektierende Aufkleber, die mit Vermessungsarbeiten zusammenhängen. Drohnensichtungen seien „weitgehend durch alltägliche Vorkommnisse“ zu erklären [1].
Historische Erinnerung als Antrieb
Die Übung ist auch von der Erinnerung an die Kriege mit der Sowjetunion geprägt. Finnland verlor in diesen Kriegen rund elf Prozent seines Territoriums; mehr als 400.000 Menschen, etwa zwölf Prozent der Bevölkerung, flohen aus ihrer Heimat [1].
Im Veteranenmuseum von Kuopio zeigte der 95-jährige Risto Mönkkönen der Nachrichtenagentur AP ein Blatt Papier, auf dem er die Daten notiert hatte, an denen die Stadt bombardiert wurde und wer dabei starb. „Ich kann es nicht vergessen“, sagte er. Die 102-jährige Pirkko Naukkarinen erinnerte sich daran, wie sie mit 16 Jahren in einer Feldküche an der Front arbeitete. Die 92-jährige Aili Toivanen sagte, sie habe ihr Zuhause in den verschiedenen Kriegen zweimal verlassen müssen – und als Putin 2022 in die Ukraine einmarschierte, habe sie befürchtet, ein drittes Mal fliehen zu müssen [1].
Einordnung: Vorsorge statt Panikmache
Die Übung in Kuopio ist Teil einer breiteren Strategie. Finnlands Notfallvorsorge empfiehlt Haushalten, mindestens 72 Stunden ohne fremde Hilfe auszukommen, falls Strom ausfällt oder Wasser ungenießbar wird [2]. Die Botschaft der Organisatoren ist nüchtern: Man könne nicht gegen alle Bedrohungen schützen, aber man könne die Bevölkerung darauf vorbereiten, sich selbst zu helfen.
Muhonen brachte die Haltung auf den Punkt: „Glaubt nicht, was sie sagen, sondern beobachtet, was sie tun.“ Die Übung sei keine Kriegsvorbereitung im engeren Sinne, sondern Ausdruck einer Sicherheitskultur, die in Finnland tief verankert ist – und die angesichts der russischen Sabotagekampagne in Europa an Bedeutung gewinnt.