Die Vereinigten Arabischen Emirate sehen sich seit dem Beginn des Kriegs zwischen Iran, Israel und den USA im Februar mit einer beispiellosen Welle von Hackerangriffen konfrontiert – rund 800.000 Versuche pro Tag, viermal so viele wie vor dem Konflikt. Mit der im Mai gestarteten Initiative „Cyber Factory" will das Land nun eine eigene, KI-gestützte Cybersicherheitsindustrie aufbauen, um nicht länger von ausländischer Technologie abhängig zu sein.
Im Februar überquerten Raketen den Golf – und kurz darauf folgten Hacker, die mit künstlicher Intelligenz bewaffnet waren. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben seitdem koordinierte Cyberangriffe auf die Sektoren Luftfahrt, Energie und Bildung abgewehrt, wie der nationale Cyber Security Council am 10. August mitteilte [1]. Die Angreifer nutzen KI, um Phishing-Mails zu verfassen, Schwachstellen in Software zu finden und Schadprogramme schneller zu bauen, als die Verteidiger die Lücken schließen können [1].
800.000 Angriffsversuche pro Tag
Das Ausmaß der Bedrohung ist beispiellos für das Land. Seit Februar registrieren die Behörden rund 800.000 Hacking-Versuche pro Tag – viermal so viele wie vor dem Krieg, als es bis zu 200.000 waren [1]. Der Cyber Security Council spricht von drei Wellen KI-gestützter Angriffe allein in diesem Jahr [1].
Entscheidend verändert hat sich die Geschwindigkeit. „KI beeinflusst inzwischen fast jede Phase eines Cyberangriffs", sagt Ram Narayanan, Middle-East-Country-Manager der israelischen Sicherheitsfirma Check Point Software Technologies. „Die größte Veränderung ist die Geschwindigkeit. In manchen Fällen ist die Zeit zwischen der Offenlegung einer Schwachstelle und dem Versuch, sie auszunutzen, von Tagen auf Stunden gesunken" [1].
Die Angriffe auf die VAE stammen nach Angaben von Mohamed Al Kuwaiti, dem Chef des Cyber Security Council, aus rund 20 Ländern und von mehr als 40 Organisationen, darunter Gruppen mit Verbindungen zum Iran [1]. Das Washingtoner Center for Strategic and International Studies (CSIS) dokumentiert, dass iranische Hacker KI in jedem Schritt des Angriffs einsetzen – von der Zielauswahl über das Schreiben von Schadcode bis zu gefälschten Nachrichten, die Menschen zum Klicken verleiten [1]. Am 18. August erhob das US-Justizministerium Anklage gegen 17 Iraner, die seit 2013 Forschungsdaten von 144 US-Universitäten und 42 Unternehmen gestohlen haben sollen [1].
Betroffen: Banken, Energie, Luftfahrt, Regierung
Die Angriffe treffen unterschiedliche Ziele mit unterschiedlichen Methoden. Der Cyber Security Council meldete Ransomware-Angriffe auf Regierungsplattformen, Phishing-Kampagnen gegen Banken und Einbruchsversuche in Überwachungskameras [1]. Check Point führte die Kamera-Angriffe auf iranische Hacker zurück, die offenbar Aufnahmen nutzen wollten, um Raketenziele zu korrigieren und Schäden nach Angriffen zu bewerten [1].
Im Juli wehrten nationale Teams Angriffe auf Finanzunternehmen ab, die Phishing, Software-Schwachstellen und Schadcode kombinierten – ohne dass Dienste unterbrochen wurden [1]. Im August folgten koordinierte Angriffe auf Luftfahrt, Energie und Bildung, die die Verteidiger stoppten, bevor sie sich ausbreiten konnten [1].
Das US-Unternehmen Palo Alto Networks verzeichnet seit Februar einen Anstieg KI-gestützter Betrugsversuche, Passwortdiebstähle und gefälschter Firmenwebsites in der gesamten Golfregion. Telekommunikation, Energie und Regierungsdienste seien die attraktivsten Ziele, weil ein Ausfall Schäden verursache, die weit über das erste Opfer hinausreichten, sagt Haider Pasha, Chief Security Officer für Europa, den Nahen Osten und Afrika [1]. Die VAE haben Regierungsdienste und Bankgeschäfte weitgehend digitalisiert und betreiben ihr Stromnetz über Computernetzwerke – ähnlich wie die USA und Europa [1].
Die „Cyber Factory" als Antwort
Die Verteidigung hält bislang stand. Analysten arbeiten in Schichten in einem nationalen Operationszentrum, das im Rahmen der Cybersicherheitsstrategie des Landes Alarme aus der gesamten Regierung bündelt [1]. Die KI-Systeme, die sie künftig unterstützen sollen, entstehen in einem Programm, das das Land im Mai gestartet hat.
Am 12. Mai 2026 lancierten der Cyber Security Council und sein strategischer Partner CPX Holding die Initiative „UAE Cyber Factory" [2] [3]. Sie soll KI-gestützte Sicherheitstechnologien entwerfen, bauen und skalieren, um Angriffe schneller und präziser vorherzusehen, zu erkennen und abzuwehren [2] [3]. Das Ziel: die VAE sollen ihre Verteidigung vollständig selbst besitzen, statt sie im Ausland zu kaufen [1].
„Die UAE Cyber Factory bringt lokale Talente, fortschrittliches Engineering und Innovation zusammen, die in den VAE entstanden sind", sagte CPX-Chef Hadi Anwar beim Start [1] [2]. Die Initiative ist Teil eines breiteren Vorstoßes für das, was der Rat als nationale Cyber-Souveränität bezeichnet – die Werkzeuge im eigenen Land herzustellen, statt sie einzukaufen [1].
Die „Cyber Factory" soll genau jene Geschwindigkeitslücke schließen, die sich in diesem Jahr aufgetan hat. Angreifer hätten ihre Arbeit automatisiert und skaliert, Verteidiger bräuchten Technologie, die genauso schnell reagiere, sagt Check-Point-Manager Narayanan. „In vielen Bereichen bewegen wir uns bereits auf einen Maschine-gegen-Maschine-Cyberkonflikt zu" [1].
Was nationale Cyber-Souveränität bedeutet
Das Konzept der Cyber-Souveränität geht über einzelne Abwehrsysteme hinaus. Es beschreibt den Anspruch eines Staates, über kritische digitale Infrastruktur, Datenschutzrahmen und KI-gestützte Verteidigungssysteme selbst zu bestimmen, statt auf externe Anbieter angewiesen zu sein [2]. Die „Cyber Factory" soll als vollständig souveränes, integriertes Ökosystem fungieren, das dem Land die Ende-zu-Ende-Kontrolle über seine Cybersicherheitsfähigkeiten gibt [3].
Für Unternehmen in der gesamten Region spiegelt der Start einen breiteren Wandel wider: Immer mehr Golfstaaten setzen auf souveräne Cybersicherheitsmodelle, um die Kontrolle über kritische Infrastruktur und Daten zu behalten [2]. Die VAE positionieren sich dabei als Vorreiter – auch im Wettbewerb um KI-Kompetenz, den das Land als Teil seiner wirtschaftlichen Diversifizierung vorantreibt [2].
Ob die „Cyber Factory" den erhofften Vorsprung bringt, wird sich erst zeigen. Sicherheitsexperten weisen darauf hin, dass staatlich geförderte Angreifer KI als „praktischen Kraftverstärker" nutzen, nicht als vollautonome Waffe – Menschen wählen weiterhin die Ziele und setzen das Timing, die Technologie scannt Schwachstellen und schreibt den Code [1]. Die Verteidiger setzen nun darauf, mit derselben Logik zu kontern: schneller zu sein als die Angreifer, mit Technologie, die im eigenen Land entsteht.