Das KI-Unternehmen Anthropic hat eine Cyberkampagne aufgedeckt, bei der ein einzelner französischsprachiger Hacker seine KI Claude nutzte, um europäische Parteien, Medien und Thinktanks anzugreifen. Von 42 verfolgten Zielen verschaffte sich der Angreifer bei mindestens 14 internen Zugriff und schleuste zwischen zwölf und 26 Gigabyte Daten ab. Der Fall zeigt, wie KI die Schwelle für hochkomplexe Angriffe senkt.
Anthropic hat in seinem am Donnerstag veröffentlichten Threat-Report eine Cyberkampagne dokumentiert, die europäische politische Parteien, Medien und Thinktanks traf. Ein einzelner französischsprachiger Akteur nutzte demnach im Frühjahr 2026 die KI Claude, um eine Infrastruktur zum Ausspähen und Hacken aufzubauen und gegen „europäische Parteien, Medien und Thinktanks sowie die Anbieter von SaaS-Lösungen, auf die diese Organisationen zurückgreifen“ einzusetzen [1] [2].
Was Anthropic veröffentlicht hat
Der Bericht „Detecting and countering misuse of AI: September 2026“ fasst Aktivitäten zusammen, die Anthropics Threat-Intelligence-Team zwischen Dezember 2025 und August 2026 in sieben Schadensbereichen unterbrochen hat – von Cyberoperationen über Einflussnahme bis zu Biowaffen-Entwicklung [1]. Die Kampagne gegen europäische Organisationen führt das Unternehmen unter der internen Bezeichnung GTG-50029.
Anthropic betont ausdrücklich, dass es sich um die eigene Darstellung von Aktivitäten handelt, die rund um den eigenen Dienst erkannt wurden. Es sei keine unabhängige Zuordnung zu einem Staat oder einer namentlich bekannten kriminellen Gruppe [1]. Der Bericht belege zudem nicht, dass jeder versuchte Einbruch gelang oder alle betroffenen Organisationen kompromittiert wurden.
Betroffene Ziele: Frankreich und die äußerste Rechte
Die technischen Daten deuten laut Anthropic darauf hin, dass die große Mehrheit der Ziele in Frankreich lag und zur äußersten Rechten gehörte: mindestens eine französische Partei, ein politisches Ausbildungsinstitut, mehrere Nachrichtenseiten – darunter das rechtsextreme Magazin Frontières – sowie ein Diskussionsforum zu einem Podcast [2]. Die Namen der Organisationen nennt der Bericht nicht; Le Figaro weist darauf hin, dass die technischen Angaben eine Identifizierung mehrerer Organisationen erlauben [3].
Von 42 verfolgten Zielen erhielt der Angreifer bei mindestens 14 internen Zugriff. Abgeschleust wurden Schätzungen zufolge zwölf bis 26 Gigabyte Daten, darunter Informationen über Parteispender und eine Mitgliederliste, eine Mailbox mit 15.000 Nachrichten, Bewerbungsunterlagen von Studierenden – auch Minderjähriger – sowie Daten eines Zahlungsdienstleisters [1] [2]. In einem Fall kompromittierte der Akteur eine Plattform zur Kampagnenverwaltung über einen offen zugänglichen Such-Endpunkt und exfiltrierte rund 140.000 Datensätze, die politische Meinungen von Nutzern enthielten [1].
Methoden: Vom API-Schlüssel bis zur Doxxing-Plattform
Die Kampagne kombinierte klassische Angriffstechniken mit eigens gebauten Werkzeugen. Als Einstieg nutzte der Akteur nach Angaben von Anthropic eine zuvor nicht dokumentierte Schwachstelle im WordPress-Neuinstallationsprozess, die es erlaubte, ohne gültige Zugangsdaten ein Administrator-Konto anzulegen – erfolgreich gegen mindestens vier Websites [1].
Zudem entwickelte der Hacker einen eigenen, in Rust geschriebenen Scanner, der öffentliche Container nach offen einsehbaren API-Schlüsseln durchsucht und deren Gültigkeit prüft. Über eine lokale Proxyschicht ließ sich die Nutzung der Schlüssel rotieren, sodass der Datenverkehr im legitimen Traffic der bestohlenen Schlüsselinhaber verborgen wurde [1] [2]. Weitere Techniken umfassten eine in Schriftdateien versteckte Webshell, ein WordPress-Plugin, das eingegebene Zugangsdaten abgriff, sowie die Manipulation von Backups, um eine Wiederherstellung erneut zu infizieren [1].
Gegen ein Medienunternehmen setzte der Akteur ein Browser-Exploitation-Framework ein, das die Leser der Website über ein injiziertes Skript ansteuerte. So ließen sich tausende Browser identifizieren; gezielt suchte der Angreifer nach Sitzungen und Zugangsdaten der Redaktion [1].
Besonders bemerkenswert ist die eigens gebaute Doxxing-Plattform „fafsearch“. Sie kombinierte Daten aus früheren Leaks – darunter nationale Gesundheitskennungen und Daten aus Justizsystemen – mit Material aus den eigenen Einbrüchen und stellte sie als anonym gehostete Darknet-Dienste bereit, über die sich Personen aus dem anvisierten politischen Umfeld namentlich nachschlagen ließen [1]. Anthropic bezeichnet dies als einen der klarsten Fälle von KI-gestützter Softwareentwicklung, die direkt auf einen massiven Angriff auf die Privatsphäre abzielte – geschaffen von einer einzigen Person [1].
Die Rolle der KI
Der KI-Einsatz durchzog die gesamte Angriffskette. Der Akteur nutzte die agentischen Programmierfähigkeiten von Claude in einem Rahmen, in dem er Unteragenten steuerte. Diese übernahmen die Aufklärung vor und nach der Authentifizierung, die Überprüfung von Code und die Kontrolle der Ergebnisse verschiedener KI-Modelle [1] [2]. Auch den WordPress-Exploit entwickelte und debuggte der Hacker laut Anthropic in derselben Sitzung mit Claude, inklusive eines Testaufbaus [1].
Für Anthropic ist der Fall ein Beleg für einen übergreifenden Trend: KI habe die Kluft zwischen gut ausgestatteten, staatlich unterstützten Operationen und einzelnen Akteuren eingeebnet. „Sophisticated attacks no longer require sophisticated attackers“ – anspruchsvolle Angriffe brauchen keine anspruchsvollen Angreifer mehr, heißt es im Bericht [1]. Ein Hacktivist mit gestohlenen API-Schlüsseln, eine finanziell motivierte Gruppe und ein staatlicher Spionageakteur zeigten demnach ähnliche Methoden: Multi-Victim-Kampagnen mit agentischer KI, die früher Teams von Operateuren erfordert hätten [1].
Implikationen für die europäische Cybersicherheit
Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Verwundbarkeit politischer Organisationen in Europa. Parteien, Medien und Thinktanks verarbeiten hochsensible Daten – Spenderlisten, Mitgliederbestände, politische Meinungen –, die sich für Erpressung, Desinformation und gezielte Bloßstellung eignen. Die von dem Akteur betriebene Doxxing-Plattform zeigt, wie exfiltrierte Daten gegen Einzelpersonen eingesetzt werden können.
Zugleich verdeutlicht der Fall, dass die Angriffsmethoden selbst nicht neu sind – gestohlene Zugangsdaten, ungepatchte Systeme, offen zugängliche Dienste. Neu ist die Ökonomie: Aufklärung, Exploit-Entwicklung und Datenverarbeitung, die früher spezialisierte Teams erforderten, lassen sich nun an KI-Modelle delegieren, die in parallelen Prozessen mit Maschinengeschwindigkeit arbeiten [1]. Anthropic empfiehlt Organisationen, KI-Schlüssel und Agenten-Integrationen wie Produktions-Zugangsdaten zu behandeln – Angreifer täten dies längst [1].
Anthropic hat die Konten der betroffenen Akteure gesperrt, die Schutzmechanismen angepasst und die Erkenntnisse nach eigenen Angaben an Behörden und Industriepartner weitergegeben [1]. Für europäische Parteien und Medien dürfte der Fall dennoch ein Weckruf sein: Die Bedrohungslage hat sich durch KI-gestützte Angriffe grundlegend verändert – und die Verteidigung muss Schritt halten.