Nach dem Daten-Leak aus dem Berliner Landesnetz erheben IT-Experten schwere Vorwürfe gegen die Stadt: Das Land habe „grob fahrlässig“ gehandelt und bekannte Sicherheitslücken über Jahre ignoriert. Die Opposition fordert Konsequenzen – kurz vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September.
Nach dem Hackerangriff auf das Berliner Landesnetz und der Veröffentlichung von rund 1,4 Millionen sensiblen Daten im Darknet gerät die Stadtverwaltung massiv unter Druck. IT-Experten werfen dem Land vor, über Jahre hinweg bekannte Sicherheitslücken ignoriert und die Vorgaben des Geheimschutzes nicht eingehalten zu haben. Die Opposition spricht von einem „Versagen bei der IT-Sicherheit“ und fordert personelle Konsequenzen.
„Grob fahrlässig und vorsätzlich“ – die Vorwürfe des IT-Experten
Der Sicherheitsberater Manuel Atug, Gründer und Sprecher der unabhängigen Arbeitsgruppe AG KRITIS, erhebt die schärfsten Vorwürfe. „Das Land Berlin hat grob fahrlässig gehandelt und vorsätzlich die Geheimschutz-Vorgaben nicht eingehalten“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Er sei darüber „wirklich schockiert und sprachlos“ [1] [2]. Für die Speicherung und Verarbeitung geheimer, als Verschlusssache eingestufter Unterlagen gebe es strenge Vorschriften und mehrere Sicherheitsstufen – offenbar seien diese nicht ausreichend angewandt worden [1] [2].
Atug war bereits 2023 und zuletzt 2025 als Sachverständiger in den Berliner Innenausschuss geladen worden. Damals habe er die Zuständigen auf „eklatante Sicherheitslücken“ hingewiesen und von einer „desolaten Cybersicherheit“ gesprochen, so der Experte. „Ihr müsst euch dringend um eure Sicherheitsprozesse kümmern“, habe er gewarnt – mit dem Hinweis, dass eine Vernachlässigung der Sicherheit schwere Konsequenzen haben werde. „Genau das ist jetzt eingetreten“ [1] [2].
Welche Sicherheitslücken kritisiert werden
Die Kritik beschränkt sich nicht auf Atug. Auch der Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC), Joachim Selzer, bemängelt die „Sorglosigkeit“, mit der auf den Angriff reagiert worden sei. Nach seinen Informationen seien Tage nach der ersten Veröffentlichung von Daten noch Systeme mit den geleakten Passwörtern zugänglich gewesen. Zudem seien teils einfache Passwörter verwendet und im Klartext abgespeichert worden [3].
Ein Sicherheitsbericht des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) liefert Hinweise darauf, wie die Angreifer vorgegangen sind. Demnach genügte offenbar ein einziger Klick auf einen Link in einer Phishing-Mail, um den größten Daten-Leak in der Geschichte des Landes Berlin auszulösen. Ein Mitarbeiter der Senatsverkehrsverwaltung soll die Mail nicht erkannt haben [4].
Die Angreifer nutzten dem BSI zufolge eine Methode namens „TerminalFix“, eine Weiterentwicklung der bekannten Betrugsmasche „ClickFix“. Dabei werden Nutzer über ein vermeintliches Captcha dazu gebracht, einen Befehl auszuführen, der im Hintergrund Schadsoftware lädt. Die eingesetzte Schadsoftware wird der Hackergruppe Rhysida zugeordnet [4]. Mit den öffentlich gewordenen Passwortlisten der Berliner Behörden hätten die Hacker anschließend „leichtes Spiel“ gehabt, tiefer ins System einzudringen [4].
So reagiert die Stadt
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) bezeichnete das Land Berlin als „Opfer einer schweren Straftat“. Nach der Veröffentlichung der sensiblen Daten sei es nun das Ziel, mögliche Betroffene „schnellstmöglich zu erreichen“ [2]. Zur Frage, warum der Senat das geforderte Lösegeld von 30 Bitcoin – umgerechnet rund zwei Millionen Euro – nicht gezahlt habe, sagte Wegner der „Bild“-Zeitung: „Wer sagt denn, wenn wir es gezahlt hätten, dass die Daten nicht längst schon woanders sind?“ [1] [2].
Der Senat betont zugleich, dass keine Daten der nationalen Sicherheit entwendet worden seien. Digital-Staatssekretär Florian Hauer sagte im Innenausschuss, betroffen seien nur Daten mit der niedrigsten von vier Geheimhaltungsstufen (VS-NfD). Die Prüfung der mehr als 1,2 Millionen Dateien laufe aber noch [3]. Um das Verfahren zu beschleunigen, sollen die Daten mit Hilfe von KI-Tools kategorisiert und nach Risikopotenzial priorisiert werden [3].
Auch die Bundesregierung hat sich eingeschaltet. Sie führe derzeit „eine intensive Prüfung der eigenen Datensysteme“ durch, die nach bisherigem Kenntnisstand aber nicht betroffen seien [1]. Das BSI warnt vor den Folgen des Leaks: Neben Phishing-Angriffen bestehe insbesondere vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September ein erhöhtes Risiko sogenannter „Hack & Leak“-Operationen, bei denen gestohlene Dokumente gezielt in einen falschen Zusammenhang gerückt werden [1].
Welche Konsequenzen drohen
Der politische Druck auf den Senat wächst. Linke und Grüne im Abgeordnetenhaus beantragten eine Aktuelle Stunde zum Thema „Versagen bei der IT-Sicherheit der Verwaltung, erneut miserables Krisenmanagement“ [3]. Die Berliner FDP geht weiter und fordert den Rücktritt von Regierendem Bürgermeister Wegner und Innensenatorin Iris Spranger (SPD): „Beide haben versagt. Aufklärung und Rücktritte schließen sich nicht aus – sie sind zwei Seiten derselben politischen Verantwortung“ [3].
Der Fall dürfte damit auch über Berlin hinaus Wirkung entfalten. Das BSI erklärte, es habe die Erkenntnisse aus der Aufarbeitung genutzt, um den Schutz von Bund, Ländern und kritischer Infrastruktur zu verbessern [4]. Für die Berliner Verwaltung aber bleibt die Lage zunächst angespannt: Ein schneller Überblick über die entwendeten Daten ist nach Einschätzung von Experten unrealistisch – die Sichtung werde noch Wochen dauern [3].
Einordnung: Ein Weckruf für die öffentliche Verwaltung
Der Angriff auf Berlin ist kein Einzelfall, sondern verdeutlicht die digitale Verwundbarkeit deutscher Behörden. Dass ein einziger Phishing-Klick genügte und dass Passwörter im Klartext gespeichert waren, sind Muster, die Sicherheitsexperten seit Jahren kritisieren. Die Frage, ob die Stadt aus dem Desaster Konsequenzen zieht, dürfte sich nicht zuletzt im Wahlkampf entscheiden – und in der Frage, ob die Verantwortlichen politisch zur Rechenschaft gezogen werden.