Iranische Hacker haben in den vergangenen Wochen nach Angaben von US-Sicherheitskreisen nicht nur Wassersysteme, sondern auch Telekommunikation und Energieinfrastruktur in den USA ins Visier genommen. Eine mit dem Regime verbundene Hackergruppe droht mit „unerwarteten und kritischen Ereignissen“ – die Versuche blieben bislang erfolglos, die Bedrohungslage gilt jedoch als ernst.
Der Iran versucht, den Konflikt mit den USA über das Internet auf amerikanisches Gebiet zu tragen. In den vergangenen Wochen haben iranische Hacker nach Angaben von vier Personen mit Zugang zu Regierungs- und Brancheninformationen nicht nur US-Wassersysteme, sondern auch Telekommunikations- und Energieinfrastruktur angegriffen [2]. Eine mit dem Regime verbundene Hackergruppe warnte, dass „unerwartete und kritische Ereignisse“ bald die amerikanische Infrastruktur treffen würden [2]. Die britische Zeitung The Times berichtet über die Drohung mit „kritischen“ Cyberangriffen auf Energie- und Wasserversorgung, mit denen das Regime den Krieg näher an die USA bringen will [1].
Was die Drohung umfasst
Die Warnung ist vage, aber gezielt. Nach Informationen von NBC News, die sich auf vier mit der Bedrohungslage vertraute Personen stützt, richteten sich die iranischen Angriffsversuche in den vergangenen Wochen gegen Wassersysteme, Telekommunikation, Energie und weitere wichtige Infrastruktur [2]. Die Versuche seien bislang erfolglos geblieben [2]. Eine iranische Hackergruppe kündigte in einem Telegram-Kanal an, die Bereiche Energie, Wasser und Telekommunikation in den USA ins Visier zu nehmen, nachdem frühere Warnungen ignoriert worden waren [3].
Die Drohung folgt auf eine Reihe erfolgter Angriffe. In mindestens zwölf US-Bundesstaaten meldeten Wasserver- und Abwasserbetriebe Cyberangriffe, die US-Behörden mutmaßlich mit iranischen Hackern in Verbindung bringen [4]. Das FBI berichtete, dass Wasserver- und Abwasserbetriebe in mindestens sieben Bundesstaaten Vorfälle gemeldet hätten [5]. Die Angriffe störten unter anderem die Fernsteuerung von Anlagen und die Wasserdrucksysteme [4].
Ein Konflikt, der sich digital ausweitet
Die Cyberdrohung ist Teil einer Eskalation zwischen Washington und Teheran. US-Präsident Donald Trump hatte Angriffe auf das iranische Stromnetz angedroht; der Iran kündigte daraufhin Vergeltung gegen Energie- und Wassersysteme in der Golfregion an [6]. Nach Einschätzung des Thinktanks CSIS – einem US-Forschungsinstitut für Sicherheitspolitik – verfügt der Iran nicht über Langstreckenwaffen, die physische Schäden an der US-Energieinfrastruktur verursachen könnten. Die digitale Front ist daher der naheliegende Weg, den Konflikt auf US-Territorium zu tragen [6].
Analysten sehen darin eine strategische Verschiebung. Da dem iranischen Regime zunehmend konventionelle militärische Optionen ausgehen, könnte es auf störende Cyberangriffe setzen, um im Rahmen seiner mehrdimensionalen Antwort auf die US-israelischen Luftangriffe Druck aufzubauen [6]. Bereits im März attackierten iranische Hacker den US-Medizintechnikkonzern Stryker – nach Einschätzung von Beobachtern der erste bedeutende Cyberangriff Irans in diesem Konflikt [6]. Im August legten mutmaßlich iranische Hacker zudem ein britisches Kraftwerk für mehrere Tage lahm. Das wurde als Ausweitung der Vergeltung gegen Großbritannien gewertet, weil die USA britische Stützpunkte nutzen [7].
Wie ernst die Bedrohung eingeschätzt wird
Die Einschätzungen der US-Behörden sind widersprüchlich. Einerseits warnten Bundesbehörden bereits im April, dass „mit dem Iran verbundene Advanced-Persistent-Threat-Akteure“ – also Hacker, die über lange Zeit unentdeckt in Systeme eindringen – US-Organisationen kritischer Infrastruktur mit der Absicht anzielten, „störende Effekte“ zu verursachen [8]. Andererseits hat die Trump-Administration Hinweise auf eine unmittelbare Gefahr wiederholt heruntergespielt, zugleich aber Energieunternehmen aufgefordert, ihre physischen und digitalen Sicherheitsmaßnahmen zu verstärken [6].
Die strukturelle Verwundbarkeit ist unbestritten. Das US-Stromnetz versorgt mehr als 330 Millionen Menschen, umfasst über 7.300 Kraftwerke und mehr als 600.000 Meilen Hochspannungsleitungen [6]. Die North American Electric Reliability Corporation (NERC), die Aufsichtsbehörde für das US-Stromnetz, schätzt, dass das Netz durch zunehmende Digitalisierung täglich rund 60 neue angreifbare Punkte gewinnt [6]. Etwa die Hälfte der US-Öl- und Gaspipelines ist über 50 Jahre alt, rund 75 Prozent der Übertragungsleitungen über 25 Jahre [6]. Diese Alterung macht Systeme anfällig, die oft nicht für moderne Sicherheit ausgelegt sind.
Wie die USA reagieren
Die Reaktion der US-Behörden zielt auf Härtung und Warnung. CISA – die US-Behörde für Cybersicherheit – und das FBI haben Unternehmen und Behörden wiederholt aufgefordert, ihre Abwehrmaßnahmen angesichts der erhöhten Bedrohung durch Iran und mit dem Iran verbundene Gruppen zu verstärken [6]. Die Bundesbehörden veröffentlichten gemeinsame Warnhinweise zu iranischen Angriffen auf industrielle Steuerungssysteme in Wasser-, Abwasser- und Energiesektoren [5]. Im Kongress wächst zudem der Druck auf strengere Aufsicht und mehr finanzielle Mittel für Versorgungsunternehmen [9].
Ein zentrales Problem bleibt die Zersplitterung: Mehr als 80 Prozent der US-Energieinfrastruktur befinden sich in privater Hand, und die Versorgungsunternehmen unterscheiden sich erheblich in Budgets, IT-Ausstattung und Sicherheitsstandards [6]. Experten fordern daher verbindliche Cybersicherheitsanforderungen sowie technische Unterstützung für kleine Versorger und ländliche Genossenschaften [6].
Einordnung und Ausblick
Die Drohung ist mehr als Rhetorik – sie folgt auf eine dokumentierte Serie von Angriffen auf US-Wassersysteme und ein britisches Kraftwerk. Dass die jüngsten Versuche bislang scheiterten, dürfte nur begrenzt beruhigen: Die Angreifer testen offenbar systematisch Schwachstellen in Sektoren, die für die US-Wirtschaft und das tägliche Leben zentral sind. Nach Einschätzung von CSIS ist die Frage nicht mehr, ob die US-Energieinfrastruktur von entschlossenen staatlichen Akteuren angegriffen wird, sondern wann – und ob öffentliche und private Akteure die Lücken in Koordination, Kapazität und Informationsaustausch rechtzeitig schließen [6]. Solange der Konflikt im Nahen Osten andauert, dürfte die digitale Front ein fester Bestandteil der Auseinandersetzung bleiben.