Das Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin wurde Opfer eines Hackerangriffs. Angreifer verschafften sich Zugriff auf interne Dateiserver. Wer dahintersteckt, ist bislang unbekannt — der Kontext legt jedoch staatliche Akteure nahe.
Wie der Spiegel berichtet, hat das Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin einen Cyberangriff gemeldet. Das öffentlich finanzierte Forschungsinstitut informierte Betroffene am Mittwoch per E-Mail darüber, dass Hacker Zugriff auf Dateiserver des Instituts erlangt haben. Dabei könnten nach Angaben des ZOiS auch Kontodaten abgeflossen sein.
Der Angriff wurde demnach am 10. Juni festgestellt. Über den Angriffszeitpunkt und den genauen Umfang der kompromittierten Daten machte das Institut bislang keine weiteren Angaben. Zu einer möglichen Täterschaft äußerte sich das ZOiS nicht.
Institut seit 2023 auf russischer Liste unerwünschter Organisationen
Das ZOiS ist kein zufälliges Ziel. Das 2016 gegründete, unabhängige Forschungsinstitut befasst sich mit sozialwissenschaftlicher Forschung zu Osteuropa — darunter Themen wie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, gesellschaftliche Entwicklungen in Belarus und politische Dynamiken in Zentralasien. Seine Analysen richten sich an Politik, Medien und die breite Öffentlichkeit.
2023 stufte die russische Generalstaatsanwaltschaft das ZOiS als „unerwünschte Organisation" ein — eine Klassifikation, die in Russland strafrechtliche Konsequenzen für Kooperationspartner haben kann und international als politisches Druckmittel gilt. Ob zwischen dieser Einstufung und dem jetzigen Angriff ein Zusammenhang besteht, ist offiziell nicht bestätigt.
Forschungseinrichtungen als Angriffsziel
Der Vorfall reiht sich in ein bekanntes Muster ein. Forschungsinstitute, Think Tanks und zivilgesellschaftliche Organisationen mit geopolitischem Fokus stehen seit Jahren im Visier staatlich gelenkter Hackergruppen — insbesondere solcher, die Russland oder China zugerechnet werden. Ziel solcher Operationen ist in der Regel nicht primär finanzieller Gewinn, sondern der Zugriff auf unveröffentlichte Analysen, Kontaktdaten von Gesprächspartnern in sensiblen Regionen oder interne Kommunikation.
Auch die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) wurde zuletzt von der russischen Staatsanwaltschaft als unerwünschte Organisation eingestuft — das ZOiS erklärte sich daraufhin ausdrücklich solidarisch mit der DGAP.
Behörden warnen vor wachsender Bedrohungslage
Der Angriff auf das ZOiS folgt auf Warnungen, die erst vergangene Woche auf der Konferenz für nationale Cybersicherheit am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam laut wurden. Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen bezeichnete Cyberangriffe dort als „Seismograph für geopolitische Spannungen" — und dieser Seismograph schlage „massiv aus".
BSI-Präsidentin Claudia Plattner sprach von einer „neuen Zeitrechnung der Cybersicherheit", in der KI-gestützte Angriffswerkzeuge die Einstiegshürden für Cyberkriminalität und staatlich gelenkte Spionage gleichermaßen senken.
Was der Vorfall zeigt
Für das ZOiS und vergleichbare Einrichtungen stellt der Vorfall eine ernste Mahnung dar: Auch Forschungsinstitute ohne Gewinnorientierung und mit vergleichsweise kleinen IT-Budgets sind Ziele — mitunter gerade deshalb, weil ihre Schutzmaßnahmen hinter denen von Unternehmen oder Bundesbehörden zurückbleiben.
Der Spiegel hatte als erstes Medium über den Angriff berichtet. Das ZOiS bestätigte den Vorfall mit einer Benachrichtigung an betroffene Personen.